Veröffentlicht am Mai 17, 2024

Die Jagd nach Neukunden ist für viele Schweizer KMU ein Fass ohne Boden. Profitables Wachstum entsteht jedoch erst, wenn Sie bestehende Kunden binden – das ist rechnerisch bis zu 7-mal günstiger und nachhaltiger.

  • Die Kosten zur Akquise eines Neukunden übersteigen die Kosten der Bestandskundenpflege um das Fünf- bis Zehnfache.
  • Erfolgreiche Schweizer Treueprogramme setzen auf Wertschätzung und Exklusivität, nicht auf ruinöse Rabattschlachten.

Empfehlung: Analysieren Sie Ihre Abwanderungsrate (Churn Rate). Liegt sie über dem Branchenschnitt, ist das Schliessen dieser „Lecks“ Ihre oberste finanzielle Priorität, bevor Sie weiter in die Akquise investieren.

Die Kosten für Google Ads steigen, der Wettbewerb in den sozialen Medien wird härter und Sie investieren Monat für Monat erhebliche Summen, um neue Gesichter für Ihr Angebot zu gewinnen. Dieser Fokus auf die Neukundenakquise ist ein tief verwurzelter Reflex im Marketing. Doch während Sie das Netz immer weiter auswerfen, um neue Fische zu fangen, bemerken Sie das wachsende Loch im Rumpf Ihres Schiffes oft zu spät: die stillschweigende Abwanderung Ihrer bestehenden Kunden.

Für Geschäftsführer von Schweizer KMUs, die über hohe Akquisekosten klagen, ist dies mehr als nur eine Metapher – es ist eine betriebswirtschaftliche Realität. Die ständige Jagd nach dem nächsten Abschluss lässt das wertvollste Kapital Ihres Unternehmens unbeachtet: Ihr Kundenvermögen. Das sind die Menschen, die Ihnen bereits ihr Vertrauen und ihr Geld geschenkt haben. Sie zu halten ist nicht nur eine Frage des „guten Service“, sondern eine knallharte strategische und finanzielle Entscheidung.

Doch was, wenn die profitabelste Wachstumsquelle bereits in Ihrer Datenbank schlummert und nur darauf wartet, reaktiviert zu werden? Wenn eine Erhöhung der Kundenbindung um wenige Prozentpunkte Ihren Gewinn verdoppeln könnte, ohne einen einzigen Franken mehr in Werbung zu stecken? Dieser Artikel bricht mit dem Mythos, dass Wachstum nur durch neue Kunden entsteht. Wir werden Ihnen rechnerisch aufzeigen, warum die Pflege Ihrer Bestandskunden nicht nur eine nette Geste, sondern die profitabelste Investition für Ihr Schweizer KMU ist.

Dieser Leitfaden führt Sie durch die zentralen Aspekte eines profitabilitätsorientierten Retention-Managements. Sie erfahren, wie Sie die Kosten vergleichen, wirksame Loyalitätsstrategien entwickeln und datengestützte Entscheidungen treffen, um nachhaltiges Wachstum zu sichern.

Warum ein Neukunde Sie 7-mal mehr kostet als ein Bestandskunde

Die Zahl „7“ ist keine willkürliche Schätzung, sondern das Ergebnis einer einfachen, aber brutalen betriebswirtschaftlichen Kalkulation. Während die Kosten für die Pflege eines Bestandskunden (z.B. durch Newsletter, Kundenservice, kleine Aufmerksamkeiten) überschaubar sind, explodieren die Ausgaben für die Neukundengewinnung regelrecht. Denken Sie an die gesamten Marketing- und Vertriebskosten: Ausgaben für Werbeanzeigen, Content-Erstellung, Provisionen für den Vertrieb, Zeit für Verkaufsgespräche und Onboarding-Prozesse. All diese Investitionen müssen getätigt werden, bevor ein neuer Kunde überhaupt den ersten Franken Umsatz generiert.

Im Gegensatz dazu hat ein Bestandskunde diese Hürde bereits genommen. Er kennt Ihr Unternehmen, vertraut Ihrer Qualität und benötigt deutlich weniger Überzeugungsarbeit für einen erneuten Kauf. Die Wahrscheinlichkeit, an einen bestehenden Kunden zu verkaufen, liegt bei 60-70 %, während sie bei einem Neukunden nur bei 5-20 % liegt. Diese Diskrepanz ist der Kern des Problems. Studien untermauern diese Logik eindrücklich: Die Akquise eines neuen Kunden kostet im Schnitt fünf- bis zehnmal so viel wie die Pflege eines bestehenden, wie Analysen der Harvard Business Review zeigen. Der Faktor 7 ist somit ein realistischer Mittelwert für viele Branchen in der Schweiz.

Die Fokussierung auf Neukunden ist also, als würde man ständig versuchen, Wasser in einen Eimer mit einem grossen Loch zu füllen, anstatt das Loch zu stopfen. Jeder abwandernde Kunde nimmt nicht nur seinen zukünftigen Umsatz mit, sondern zwingt Sie auch, ein Vielfaches seines Werts in die Akquise eines Ersatzes zu investieren. Diese Kosten-Asymmetrie ist der stärkste finanzielle Anreiz, das Retention-Management zur Priorität zu machen.

Wie entwickeln Sie ein Treueprogramm, das über Rabatte hinausgeht?

Viele KMUs denken bei „Treueprogramm“ sofort an Rabattmarken und prozentuale Nachlässe. Doch dieser Ansatz ist gefährlich: Er erzieht Kunden dazu, nur noch auf den Preis zu achten, und devaluiert Ihre Marke. Eine reine Rabattstrategie führt zu einem ruinösen Wettbewerb, den meist nur die grössten Akteure gewinnen. Echte, nachhaltige Loyalität in einem Qualitätsmarkt wie der Schweiz basiert nicht auf dem billigsten Preis, sondern auf Wertschätzung und Exklusivität. Es geht darum, eine emotionale Bindung aufzubauen, die über die reine Transaktion hinausgeht.

Exklusive Schweizer Handwerksprodukte in edler Holzbox mit Qualitätssiegel

Der Erfolg dieses Ansatzes ist messbar. Eine internationale Studie zeigt, dass hierzulande 77 % der Konsumenten an mindestens einem Bonusprogramm teilnehmen. Die erfolgreichsten Programme, wie das Beispiel des Läckerli Huus zeigt, fokussieren sich auf Involvement und ein Gefühl der Besonderheit. Anstatt den zehnten Kauf mit 10 % Rabatt zu belohnen, schaffen sie Erlebnisse. Erfolgreiche Schweizer Programme bauen eine „Wertschätzungsökonomie“ auf, bei der sich die Kunden als Teil einer exklusiven Gemeinschaft fühlen. Hier sind einige konkrete Ansätze, die weit über simple Rabatte hinausgehen:

  • Exklusive ‚Swiss Made‘ Sondereditionen: Bieten Sie treuen Kunden Zugang zu Produkten oder Dienstleistungen, die nicht öffentlich erhältlich sind. Das unterstreicht den Wert ihrer Loyalität.
  • Persönliche Ansprechpersonen: Weisen Sie Ihren besten Kunden einen festen Ansprechpartner zu. Das schafft eine persönliche Bindung und signalisiert Wichtigkeit, ganz im Gegensatz zu anonymen Callcentern.
  • Lokale ‚Stammtisch‘-Communities: Organisieren Sie (gerade im B2B-Bereich) exklusive Events oder digitale Foren, in denen sich Ihre besten Kunden austauschen und vernetzen können.
  • Verlängerte Garantie als Qualitätssymbol: Gewähren Sie treuen Kunden eine verlängerte Garantie. Dies kostet Sie wenig, ist aber ein starkes Symbol für das Vertrauen in die eigene Schweizer Qualität.
  • Überraschungsgeschenke statt vorhersehbarer Rabatte: Ein unerwartetes, hochwertiges Geschenk zum Firmenjubiläum oder Geburtstag des Kunden wirkt emotional viel stärker als ein angekündigter Rabatt.

Wachstum oder Leck-Schliessung: Worauf sollten Sie sich zuerst konzentrieren?

Als Geschäftsführer stehen Sie ständig vor der Frage: Soll ich mein Budget in die Gewinnung neuer Märkte stecken oder in die Stabilisierung meines bestehenden Kundenstamms? Die Antwort liegt in einer einzigen Kennzahl: Ihrer monatlichen Kundenabwanderungsrate (Churn Rate). Diese Zahl beziffert den Prozentsatz der Kunden, die Sie pro Monat verlieren. Sie ist der wichtigste Indikator für die „Dichtheit“ Ihres Geschäftsmodells. Jeder Versuch, schnell zu wachsen, während die Churn Rate hoch ist, ist zum Scheitern verurteilt. Es ist, als würde man versuchen, eine Badewanne bei gezogenem Stöpsel zu füllen.

Im B2B-SaaS-Bereich beispielsweise liegt laut dem UserMotion SaaS-Benchmark 2024 die durchschnittliche monatliche Churn Rate bei 4,2 %. Das mag nach wenig klingen, bedeutet aber, dass ein Unternehmen auf Jahresbasis fast 40 % seiner Kunden verliert und ersetzen muss. Wenn Ihre Rate signifikant über dem Branchen-Benchmark liegt, ist die „Leck-Schliessung“ Ihre absolute Priorität. Jeder in die Akquise investierte Franken ist dann ineffizient, da der neu gewonnene Kunde statistisch gesehen bald wieder weg ist.

Die Entscheidung, worauf Sie sich konzentrieren sollten, ist also keine Gefühlssache, sondern eine datengestützte Priorisierung. Michael Bietenhader, ein Experte mit Erfahrung bei der Coop-Gruppe, bringt es auf den Punkt:

Wenn Ihre monatliche Churn Rate höher ist als die branchenspezifischen Benchmarks, ist das Schliessen der Lecks Ihre Priorität. Ansonsten können Sie einen Teil Ihres Budgets in die Akquise stecken

– Michael Bietenhader, MilesAhead AG

Erst wenn Ihr „Eimer“ weitgehend dicht ist – also Ihre Churn Rate auf einem gesunden, branchenüblichen Niveau liegt – wird die Investition in Neukundenakquise wirklich profitabel. Dann fliesst das neue „Wasser“ in einen Behälter, der es auch halten kann, was den Customer Lifetime Value (CLV) jedes neuen Kunden maximiert und so den Return on Investment (ROI) Ihrer Marketingausgaben vervielfacht.

Das Risiko, Stammkunden als selbstverständlich anzusehen und zu vernachlässigen

Das grösste Risiko im Umgang mit treuen Kunden ist die stille Annahme, sie würden für immer bleiben. Diese Vernachlässigung ist oft kein bewusster Akt, sondern das Ergebnis eines übermässigen Fokus auf die Neukundenjagd. Während das Marketingteam Erfolge bei der Akquise feiert, fühlen sich langjährige Kunden zunehmend ignoriert. Ihre Anfragen werden langsamer beantwortet, ihr Feedback wird nicht mehr aktiv eingeholt, und die besondere Wertschätzung, die sie am Anfang erfahren haben, schwindet. Das ist der Moment, in dem die stille Unzufriedenheit beginnt, die oft zum „Silent Churn“ führt – der Kunde geht, ohne sich je zu beschweren.

Modernes Schweizer Büro mit leerem Stuhl und unbeachtetem Feedbackformular auf Holztisch

Um diesem Risiko entgegenzuwirken, ist eine systematische Messung der Kundenzufriedenheit unerlässlich. Kennzahlen wie der Net Promoter Score (NPS) sind hier ein wertvolles Werkzeug. Ein NPS über 50 gilt als exzellent, doch viele Unternehmen ruhen sich auf mittelmässigen Werten aus. Im Schweizer Dienstleistungssektor erreichen Unternehmen laut dem Customer Experience Monitor im Schnitt Werte zwischen 3,5 und 4,5 auf einer 5er-Skala – ein solides, aber kein begeisterndes Ergebnis. Zufriedenheit ist nicht gleich Loyalität. Ein zufriedener Kunde kann beim nächsten besseren Angebot wechseln; ein loyaler, emotional gebundener Kunde verzeiht auch mal einen Fehler.

Die proaktive Pflege von Stammkunden und die Systematisierung von Feedback-Prozessen haben direkte, messbare Auswirkungen auf die Wiederkaufrate und damit auf den Gewinn. Das zeigt sich in der Praxis immer wieder.

Fallstudie: Schweizer KMU steigert Wiederkaufrate um 18%

Ein Schweizer KMU im Maschinenbau litt unter inkonsistenten Kundeninformationen und einer langsamen Angebotsabwicklung. Durch die Einführung einer zentralen Automatisierungssoftware wurde der gesamte Prozess von der Anfrage bis zum Auftrag digitalisiert und vereinheitlicht. Entscheidend war die Integration eines systematischen Feedback-Systems nach jedem Projektabschluss. Die Erkenntnisse flossen direkt in die Service- und Produktentwicklung ein. Das Ergebnis nach nur sechs Monaten: Die Wiederkaufrate stieg um 18 %, und die Mitarbeiter berichteten von einer signifikant höheren Kundenzufriedenheit, da sie proaktiv auf Kundenbedürfnisse eingehen konnten, wie eine Analyse von Swiss Lean belegt.

Wann lohnt es sich, einen „toten“ Kunden wiederzubeleben?

In jeder Kundendatenbank gibt es sie: die „toten“ oder inaktiven Kunden. Das sind Kontakte, die seit langer Zeit nichts mehr gekauft haben. Der Reflex vieler Marketingabteilungen ist, diese Kunden entweder abzuschreiben oder mit aggressiven Rabatt-Mails zu bombardieren. Beide Ansätze sind ineffizient. Eine gezielte Reaktivierung kann extrem profitabel sein, aber nur, wenn sie auf einem kühlen Reaktivierungs-Kalkül basiert. Nicht jeder verlorene Kunde ist es wert, zurückgewonnen zu werden.

Der erste Schritt ist eine rigorose Segmentierung. Teilen Sie Ihre inaktiven Kunden in Gruppen ein: Wer war ein hochprofitabler A-Kunde und wer ein gelegentlicher C-Kunde? Was war der wahrscheinliche Abwanderungsgrund? Ein Kunde, der wegen eines ungelösten Service-Problems gegangen ist, hat ein hohes Reaktivierungspotenzial. Ein Kunde, der in eine andere Region gezogen oder insolvent ist, hingegen nicht. Konzentrieren Sie Ihre Bemühungen auf das Segment mit dem höchsten potenziellen Customer Lifetime Value (CLV) und einem behebbaren Abwanderungsgrund.

Die zentrale Frage ist rein ökonomisch: Sind die erwarteten Kosten der Reaktivierungskampagne niedriger als der erwartete CLV des zurückgewonnenen Kunden? Kommunizieren Sie dabei Qualitätsverbesserungen und neue Lösungen für alte Probleme statt platter Rabatte. Ein ehrliches „Wir haben uns verbessert und würden Ihnen das gerne beweisen“ ist oft wirkungsvoller als „20 % auf alles“. Der folgende Plan hilft Ihnen, Ihre Reaktivierungsmassnahmen strategisch und konform mit dem Schweizer Datenschutzgesetz (DSG) zu planen.

Ihr Fahrplan zur smarten Kunden-Reaktivierung

  1. Segmentierung: Listen Sie inaktive Kunden und bewerten Sie sie nach ehemaligem Umsatz (Lifetime Value) und wahrscheinlichem Abwanderungsgrund (Service, Preis, Konkurrenz).
  2. Rechtsgrundlage prüfen: Stellen Sie sicher, dass Sie gemäss Schweizer DSG eine legitime Grundlage (z.B. bestehende Geschäftsbeziehung) für die Kontaktaufnahme haben und dies transparent kommunizieren.
  3. Botschaft definieren: Kommunizieren Sie konkrete Verbesserungen (z.B. „Unser Service ist jetzt 24/7 erreichbar“) statt generischer Rabatte, um Wert zu vermitteln.
  4. Kosten-Nutzen-Rechnung: Berechnen Sie die maximalen Reaktivierungskosten pro Kunde. Die einfache Formel lautet: Kosten dürfen den erwarteten CLV nicht übersteigen.
  5. Persönlichen Kontakt suchen: Nutzen Sie einen Mix aus E-Mail und einem persönlichen Anruf für Ihre Top-Segmente. Ein Anruf signalisiert höchste Wertschätzung.

Wie Sie durch Conversion-Optimierung Ihren ROI verdoppeln ohne mehr Media-Budget

Viele Geschäftsführer konzentrieren sich auf die „Vorderseite“ des Marketings: mehr Budget für Anzeigen, um mehr Traffic zu generieren. Doch oft liegt das grösste ungenutzte Potenzial auf der eigenen Website oder im eigenen Onlineshop. Hier kommt die Conversion-Rate-Optimierung (CRO) ins Spiel. CRO zielt darauf ab, den Prozentsatz der Besucher zu erhöhen, die eine gewünschte Aktion ausführen – sei es ein Kauf, eine Anfrage oder eine Newsletter-Anmeldung.

Der Zusammenhang zur Kundenbindung und Profitabilität ist direkter, als es auf den ersten Blick scheint. Eine gut optimierte Website ist benutzerfreundlich, klar und reibungslos. Sie reduziert Frustration und schafft ein positives Erlebnis. Ein Kunde, der mühelos findet, was er sucht, und einen unkomplizierten Kaufprozess durchläuft, ist ein zufriedenerer Kunde. Diese positive Erfahrung ist der erste Baustein für Loyalität. Er wird eher wiederkommen, weil er weiss, dass es bei Ihnen „einfach funktioniert“.

Der finanzielle Hebel ist enorm. Stellen Sie sich vor, Sie investieren 10’000 CHF in Werbung und generieren 1’000 Besucher. Bei einer Conversion-Rate von 1 % gewinnen Sie 10 Kunden. Die Kosten pro Akquisition (CAC) betragen 1’000 CHF. Wenn Sie nun durch CRO die Conversion-Rate auf 2 % verdoppeln, gewinnen Sie mit demselben Budget 20 Kunden. Ihre CAC halbieren sich auf 500 CHF. Ihr Return on Investment (ROI) hat sich verdoppelt, ohne einen einzigen Franken mehr in Werbung zu investieren.

Dieser Effekt potenziert sich durch die Kundenbindung. Da die optimierte Erfahrung die Kundenzufriedenheit steigert, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit von Folgekäufen. Der Customer Lifetime Value (CLV) steigt. Ihr ROI, berechnet als (CLV – CAC) / CAC, explodiert förmlich, da Sie nicht nur günstiger akquirieren, sondern die gewonnenen Kunden auch länger halten und mehr Umsatz mit ihnen generieren. CRO ist somit keine reine Webdesign-Disziplin, sondern ein zentrales Werkzeug des profitabilitätsorientierten Retention-Managements.

Wie Algorithmen vorhersagen, wer morgen kündigt, bevor der Kunde es selbst weiss

„Algorithmen“ klingen für viele KMU-Geschäftsführer nach teurer und komplexer Technologie, die nur Grosskonzernen zur Verfügung steht. Doch das Prinzip der prädiktiven Loyalitätsanalyse ist im Grunde eine simple, datengestützte Beobachtung von Verhaltensmustern. Es geht nicht um Magie, sondern darum, die richtigen Signale zu erkennen, die ein Kunde aussendet, bevor er sich entscheidet zu gehen. Diese Signale sind oft subtil, aber in der Summe ein klares Warnzeichen.

Ein Kunde kündigt selten von heute auf morgen. Dem eigentlichen Churn geht meist eine Phase des „Disengagements“ voraus. Ein Algorithmus – oder auch eine einfache, aber systematische Datenanalyse – sucht nach genau diesen Mustern. Die wichtigsten negativen Frühindikatoren sind:

  • Sinkende Kauffrequenz: Ein Kunde, der früher monatlich kaufte, bestellt plötzlich drei Monate lang nichts mehr.
  • Geringerer Warenkorbwert: Der durchschnittliche Wert seiner Bestellungen nimmt kontinuierlich ab.
  • Reduzierte Interaktion: Er öffnet Ihre Newsletter nicht mehr, klickt seltener auf Links oder verbringt weniger Zeit auf Ihrer Website.
  • Zunehmende Service-Anfragen: Ein Anstieg von Support-Tickets oder Beschwerden kann auf wachsende Frustration hindeuten.

Moderne CRM-Systeme oder sogar gut gepflegte Excel-Tabellen können dabei helfen, diese Muster zu erkennen. Wenn Sie beispielsweise einen Kunden identifizieren, dessen Kauffrequenz um 50 % gesunken ist, können Sie ihn proaktiv ansprechen. Nicht mit einem Rabatt, sondern mit einer wertschätzenden Frage: „Wir haben eine Weile nichts von Ihnen gehört. Ist alles in Ordnung? Können wir Ihnen bei etwas helfen?“. Diese proaktive Kontaktaufnahme kann eine abrutschende Kundenbeziehung oft noch retten, bevor der Kunde innerlich gekündigt hat. Sie agieren, statt nur zu reagieren, und zeigen dem Kunden, dass er Ihnen wichtig ist – und zwar genau in dem Moment, in dem er beginnt, sich von Ihnen zu distanzieren.

Das Wichtigste in Kürze

  • Rechnerischer Fokus: Die Pflege eines Bestandskunden ist für Schweizer KMU bis zu 7-mal profitabler als die teure Neukundenakquise.
  • Wertschätzung vor Rabatt: Echte Loyalität entsteht durch Exklusivität und emotionale Bindung, nicht durch Preiskämpfe.
  • Messen und Handeln: Die Überwachung der Churn Rate ist der erste, wichtigste Schritt, um die Profitabilität Ihres Unternehmens nachhaltig zu sichern.

Wie schreiben Sie Warenkorb-Abbrecher an, ohne aufdringlich zu wirken und Kunden zu vergraulen?

Ein gefüllter Warenkorb, der im letzten Moment verlassen wird, ist eine der grössten Frustrationen im E-Commerce. Die automatisierte „Warenkorb-Abbrecher-Mail“ ist die Standardlösung, doch hier liegt eine grosse Gefahr: Falsch gemacht, wirkt sie aufdringlich, verzweifelt und kann einen potenziellen Kunden für immer vergraulen. Der Schlüssel zu einer erfolgreichen Reaktivierung liegt in Timing, Tonalität und Mehrwert, nicht in aggressivem Druck.

Verzichten Sie auf Mails, die nur wenige Minuten nach dem Abbruch versendet werden. Dies wirkt übergriffig und „überwachend“. Ein Zeitfenster von 1 bis 24 Stunden ist ideal. Der Kunde hatte vielleicht nur eine technische Störung oder wurde abgelenkt. Die Tonalität sollte hilfsbereit, nicht fordernd sein. Eine Formulierung wie „Hatten Sie Probleme beim Abschluss Ihrer Bestellung?“ oder „Haben Sie noch Fragen zu den Produkten in Ihrem Warenkorb?“ ist weitaus sympathischer als ein „Schliessen Sie jetzt Ihren Kauf ab!“.

Der wichtigste Punkt ist der Mehrwert. Anstatt sofort einen Rabatt anzubieten (was den Kunden dazu erzieht, immer auf diese Mail zu warten), erinnern Sie ihn an die bestehenden Vorteile: „Denken Sie daran: Der Versand ist bei uns immer kostenlos“ oder „Ihre Auswahl ist durch unsere 2-Jahres-Garantie auf Schweizer Qualität abgedeckt“. Bieten Sie Hilfe an, indem Sie einen direkten Link zum Kundenservice oder zu einer FAQ-Seite integrieren. Ein kleiner, personalisierter Rabatt sollte nur als letzte Eskalationsstufe für besonders wertvolle Warenkörbe und auch erst in einer zweiten oder dritten Erinnerungsmail eingesetzt werden. Ziel ist es, die Beziehung zu stärken und Vertrauen aufzubauen, nicht, einen schnellen Verkauf zu erzwingen.

Um das volle Potenzial von Warenkorb-Abbrechern zu nutzen, ist eine durchdachte und kundenorientierte Kommunikation entscheidend. Es ist essenziell zu verstehen, wie Sie diese heikle Interaktion meistern, ohne Kunden zu verlieren.

Der erste Schritt? Analysieren Sie noch heute Ihre Kundenabwanderungsrate und den Lifetime Value Ihrer treuesten Kunden. Beginnen Sie zu rechnen – Ihr Gewinn wird es Ihnen danken.

Häufig gestellte Fragen zum Retention-Management für KMU

Welche Kunden sollten Schweizer KMU prioritär reaktivieren?

Fokussieren Sie auf Kunden mit hohem ehemaligem Wert (Top 20% nach Umsatz) und behebbaren Abwanderungsgründen wie Service-Pannen oder fehlende Features – nicht auf weggezogene oder insolvente Kunden.

Wie viel darf die Reaktivierung maximal kosten?

Die Formel lautet: Kosten der Kampagne dividiert durch Reaktivierungsquote muss kleiner sein als der erwartete Customer Lifetime Value des reaktivierten Kunden.

Welche rechtlichen Aspekte müssen gemäss DSG beachtet werden?

Sie benötigen eine bestehende Kundenbeziehung als Rechtsgrundlage, müssen auf diese hinweisen und eine einfache Abmeldemöglichkeit bieten. Transparenz bei der Datennutzung ist zwingend.

Geschrieben von Beat Aebischer, Senior Markenstratege für Schweizer KMUs und Experte für Positionierung im Hochpreis-Segment mit über 20 Jahren Erfahrung. Ehemaliger CMO eines Zürcher Traditionsunternehmens, spezialisiert auf Nischenstrategien und Premium-Branding.