Veröffentlicht am März 15, 2024

Ein Shitstorm trifft Schweizer Unternehmen oft unvorbereitet am Wochenende und droht, die Deutungshoheit zu kosten, bevor die neue Woche beginnt.

  • Proaktives Monitoring und eine klare, mehrsprachige Sprachstrategie sind entscheidend, um Eskalationen im Keim zu ersticken.
  • Die Transformation von Kritikern zu Fans ist keine Magie, sondern ein messbarer Prozess, der den Unternehmenswert steigert.

Empfehlung: Verankern Sie Krisenkommunikation als strategische, wertschöpfende Aufgabe im Unternehmen, nicht als reaktives „Chatten“.

Die Benachrichtigung erscheint am Samstagmorgen auf dem privaten Smartphone. Ein einzelner, wütender Kommentar unter einem harmlosen Post. Als Social Media Manager spüren Sie, wie der Puls steigt. Sie wissen: Das ist der Moment, in dem aus einem Funken ein Flächenbrand werden kann, der am Montagmorgen die Titelseiten von 20 Minuten ziert und die Geschäftsleitung auf den Plan ruft. Die Angst vor dem Kontrollverlust am Wochenende ist für viele Kommunikationsverantwortliche in der Schweiz eine sehr reale Belastung.

Die gängigen Ratschläge sind bekannt: „Schnell reagieren“, „transparent sein“, „einen Krisenplan haben“. Doch diese oberflächlichen Anweisungen helfen wenig, wenn die Dynamik einer Empörungswelle Fahrt aufnimmt. Sie adressieren nicht die Kernangst: die schwindende Kontrolle über die Erzählung und die Reputation des Unternehmens. Was, wenn der Schlüssel nicht in panischer Reaktion, sondern in strategischer Gelassenheit liegt? Was, wenn es darum geht, dem Feuer den Sauerstoff zu entziehen, anstatt es mit noch mehr Worten zu bekämpfen?

Dieser Leitfaden bricht mit der reinen Reaktionslogik. Er positioniert Krisenmanagement nicht als Schadensbegrenzung, sondern als eine strategische Disziplin der Deeskalation. Wir betrachten einen Shitstorm nicht als unkontrollierbares Ereignis, sondern als ein System aus Eskalationsmechanismen, das Sie verstehen und steuern können. Es geht darum, die Deutungshoheit zurückzugewinnen, indem Sie Ruhe, Souveränität und Professionalität ausstrahlen – gerade dann, wenn das Umfeld am lautesten ist. Sie lernen, wie Sie auch mit den begrenzten Ressourcen eines Schweizer KMU ein robustes System aufbauen, das Ihnen das Wochenende zurückgibt.

Der folgende Artikel führt Sie durch die entscheidenden strategischen und operativen Aspekte, um einen aufkommenden Shitstorm nicht nur zu überleben, sondern gestärkt daraus hervorzugehen. Wir analysieren die Fallstricke, vergleichen die richtigen Werkzeuge und zeigen, wie Sie den Wert Ihrer Arbeit für das gesamte Unternehmen beweisen.

Warum das Löschen von negativen Kommentaren den Ärger oft verdoppelt

Der erste Impuls bei einem beleidigenden oder schlicht falschen Kommentar ist oft das Drücken des Lösch-Buttons. Es ist ein Versuch, die Kontrolle zurückzugewinnen und die digitale Ladenfront sauber zu halten. Doch diese Handlung ist meist kontraproduktiv und wirkt wie Öl im Feuer. Das Löschen von Kritik wird von der Community fast immer als Zensur wahrgenommen. Es signalisiert, dass das Unternehmen etwas zu verbergen hat oder nicht bereit ist, sich mit berechtigter Kritik auseinanderzusetzen. Dieses Vorgehen führt oft zum sogenannten Streisand-Effekt: Der Versuch, eine Information zu unterdrücken, führt erst recht zu ihrer massiven Verbreitung, oft begleitet von Screenshots des gelöschten Kommentars.

Gerade bei konzertierten Aktionen, bei denen sich zahlreiche Personen negativ äussern, ist das Löschen ein Kampf gegen Windmühlen. Grössere Schweizer Unternehmen beschäftigen zwar Content-Moderatoren, doch wie eine Analyse der rechtlichen Rahmenbedingungen zeigt, stösst dieses System bei einem echten Shitstorm schnell an seine Grenzen. Die schiere Masse an Kommentaren macht eine manuelle Moderation unmöglich und erhöht das Risiko, aus Versehen auch legitime Kritik zu entfernen. Anstatt zu löschen, ist die klügere Strategie, sichtbar und souverän zu reagieren. Eine öffentliche, sachliche Antwort auf einen kritischen Kommentar nimmt den Kritikern den Wind aus den Segeln und zeigt der stillen Mehrheit, dass das Unternehmen professionell agiert.

Eine Ausnahme bilden Kommentare, die klar gegen Schweizer Recht verstossen. Dazu gehören Rassismus, persönliche Drohungen oder ehrverletzende Behauptungen. Gemäss Art. 28 des Schweizer Zivilgesetzbuches (ZGB) sind Persönlichkeitsverletzungen strafbar. Hier ist das Löschen nicht nur erlaubt, sondern geboten. Wichtig ist jedoch, diese Kommentare vor dem Löschen zu dokumentieren (Screenshot, URL), um für eventuelle rechtliche Schritte gewappnet zu sein. Die Herausforderung liegt darin, zwischen harscher, aber zulässiger Kritik und einer strafbaren Ehrverletzung zu unterscheiden.

Wie organisieren Sie den Support am Wochenende ohne teuren 24/7 Dienst?

Die Vorstellung, für eine lückenlose Wochenend-Überwachung einen teuren 24/7-Dienstleister engagieren zu müssen, schreckt viele Schweizer KMU ab. Doch effektives Krisenmanagement am Wochenende ist weniger eine Frage des Budgets als vielmehr eine der Organisation und der richtigen Werkzeuge. Der Schlüssel liegt in einem intelligenten Pikettdienst-Modell anstelle einer permanent besetzten Kommandozentrale. Dabei wechseln sich Mitarbeitende aus dem Marketing- oder Kommunikationsteam mit der Wochenend-Verantwortung ab.

Dieser Ansatz erfordert eine klare Definition von Prozessen. Was ist ein „normaler“ negativer Kommentar, der bis Montag warten kann? Was ist ein potenzieller Krisenherd, der sofortiges Handeln erfordert? Ein einfacher Kriterienkatalog, der beispielsweise die Anzahl der negativen Kommentare pro Stunde, die Involvierung von Influencern oder die Erwähnung in reichweitenstarken Gruppen berücksichtigt, hilft dem diensthabenden Mitarbeiter bei der Einschätzung. Gekoppelt mit Social-Media-Monitoring-Tools, die bei einer Häufung von negativen Keywords oder einer ungewöhnlichen Spike-Aktivität automatisch eine Push-Nachricht senden, lässt sich eine effektive Frühwarnung ohne ständiges manuelles Prüfen einrichten.

Dieser strukturierte Pikettdienst sorgt für Ruhe und Klarheit. Der verantwortliche Mitarbeiter muss nicht im Minutentakt die Kanäle aktualisieren, sondern kann sich auf die Alarme des Systems verlassen. Für Schweizer Unternehmen mit ihrer Mehrsprachigkeit ist es dabei entscheidend, dass die Monitoring-Systeme und die Reaktionspläne alle relevanten Landessprachen abdecken. So stellen Sie sicher, dass Sie auf allen Kanälen professionell und schnell reagieren können, ohne in die Kostenfalle eines externen 24/7-Managements zu tappen.

Smartphone mit Social Media Monitoring App in Schweizer Berglandschaft

Wie das Bild symbolisiert, ermöglicht moderne Technologie eine Überwachung aus der Ferne. Ein gut konfiguriertes Dashboard auf dem Smartphone reicht aus, um die Lage im Blick zu behalten und bei Bedarf erste deeskalierende Massnahmen einzuleiten – selbst während einer Wanderung in den Schweizer Alpen. Es geht um smarte Systeme, nicht um permanente Anwesenheit.

Hochdeutsch oder Mundart: Wie antworten Sie authentisch in den Kommentaren?

Die Sprachwahl in den sozialen Medien ist in der Schweiz ein heikles Thema und in einer Krisensituation von strategischer Bedeutung. Die Antwort auf die Frage „Hochdeutsch oder Mundart?“ lautet: Es kommt darauf an. Eine starre Regel gibt es nicht, aber eine klare Strategie ist unerlässlich. Die Schweiz hat vier offizielle Landessprachen, und innerhalb der Deutschschweiz existiert eine grosse Vielfalt an Dialekten. Diese sprachliche Realität muss sich im Community Management widerspiegeln, um Authentizität und Nähe zu vermitteln.

Die Grundregel lautet: „Spiegeln Sie die Sprache des Nutzers“. Schreibt ein User im Berndeutsch, signalisiert eine Antwort im gleichen Dialekt (sofern authentisch möglich) Verständnis und Augenhöhe. Dies ist ein starkes deeskalierendes Signal. Es baut eine Brücke und holt die Person aus der anonymen Masse der Kritiker auf eine persönliche Ebene. Dasselbe gilt selbstverständlich für Kommentare auf Französisch oder Italienisch, die immer in der jeweiligen Sprache beantwortet werden müssen. Alles andere würde als Ignoranz oder Arroganz ausgelegt und die Situation unnötig anheizen.

Allerdings gibt es eine wichtige Ausnahme: bei der Eskalation. Wenn ein Dialog hitzig wird, respektlos oder unsachlich, kann ein bewusster Wechsel vom Dialekt ins Hochdeutsche ein wirksames Mittel sein, um die professionelle Distanz wiederherzustellen. Hochdeutsch wirkt formeller und seriöser. Dieser Wechsel signalisiert: „Die Ebene des persönlichen Austauschs ist nun beendet, wir kommunizieren jetzt auf einer offiziellen, sachlichen Ebene.“ Es ist ein subtiles, aber mächtiges Werkzeug, um die Kontrolle über den Gesprächsrahmen zurückzugewinnen. Eine solche Sprachstrategie sollte vorab im Team definiert und idealerweise in Krisentrainings geübt werden, um im Ernstfall souverän und konsistent agieren zu können.

Hootsuite oder Agorapulse: Welches Tool lohnt sich für Schweizer KMUs?

Die Wahl des richtigen Social Media Management Tools ist für ein effektives Krisenmanagement fundamental. Der Markt ist gross, doch für Schweizer KMU, die oft mit begrenzten personellen und finanziellen Ressourcen arbeiten, sind nicht alle Lösungen gleich gut geeignet. Die beiden Platzhirsche Hootsuite und Agorapulse bieten unterschiedliche Ansätze, deren Eignung stark vom Kontext abhängt. Während Hootsuite oft als Branchenstandard gilt, punktet Agorapulse gerade für kleinere, agilere Teams mit entscheidenden Vorteilen.

Hootsuite ist extrem mächtig, aber seine Komplexität kann für Teams ohne dedizierten Social Media Manager schnell zur Belastung werden. Die auf vielen Tabs basierende Oberfläche erfordert eine steile Lernkurve. Im Krisenfall, wenn jede Sekunde zählt, kann ein unübersichtliches Dashboard zum echten Hindernis werden. Agorapulse verfolgt hier einen anderen Ansatz mit einem intuitiven, aufgeräumten Posteingang, der alle Interaktionen an einem Ort bündelt. Dies erleichtert die schnelle Triage von Kommentaren und die Zuweisung an die richtige Person im Team erheblich.

Ein weiterer, oft unterschätzter Faktor ist die Qualität des Supports. Ein Shitstorm wartet nicht auf Bürozeiten. Ein Tool-Anbieter, dessen Support schnell und kompetent reagiert, ist Gold wert. Hier hat Agorapulse in Vergleichstests oft die Nase vorn. Für ein Schweizer KMU, das am Samstagmorgen auf ein technisches Problem stösst, kann eine garantierte Antwortzeit von unter 30 Minuten den entscheidenden Unterschied machen. Wie die folgende Tabelle zeigt, schlägt sich dies auch in der höheren Kundenzufriedenheit nieder.

Die folgende Gegenüberstellung fasst die wichtigsten Unterschiede für die Entscheidungsfindung zusammen, basierend auf einer vergleichenden Analyse und öffentlichen Nutzerbewertungen.

Vergleich Hootsuite vs. Agorapulse für Schweizer KMU
Kriterium Hootsuite Agorapulse
Einstiegspreis 99 USD/Monat 49 USD/Monat
Benutzerfreundlichkeit Komplex, viele Tabs Intuitiv, aufgeräumtes Dashboard
Support-Reaktionszeit Variabel 30 Minuten oder weniger
Kundenzufriedenheit 83% (G2) 92% (G2)
Monitoring-Fähigkeiten Gut 8.7/10 Score

Trotz der Stärken dieser Tools bleibt eine Herausforderung, wie im Social Media Management Tools Überblick des xeit Blogs treffend bemerkt wird:

Die Social Media Management Tools sind alle nicht auf die Schweiz mit ihren drei Landessprachen ausgelegt – entsprechend schwierig ist es, mehrsprachige Inhalte mit Sprachtargetings abzusetzen.

– xeit Blog

Dies unterstreicht die Notwendigkeit, bei der Tool-Auswahl nicht nur auf Features, sondern auch auf flexible Workarounds für das mehrsprachige Community Management zu achten.

Wie beweisen Sie dem Chef, dass Community Management mehr ist als „nur Chatten“?

Eine der grössten Herausforderungen für Social Media Manager ist die interne Legitimation ihrer Arbeit. Besonders in Krisenzeiten wird Community Management oft als reaktiver Kostenfaktor gesehen – als „nur Chatten“ mit wütenden Kunden. Um diesen Trugschluss zu entkräften und die strategische Bedeutung Ihrer Rolle zu untermauern, müssen Sie den Wert Ihrer Arbeit messbar machen. Es geht darum, von einer reinen Aktivitätsberichterstattung (Anzahl beantworteter Kommentare) zu einem ROI-basierten Reporting überzugehen.

Der Wert von professionellem Community Management liegt nicht nur in der Abwehr von Reputationsschäden, sondern auch in der aktiven Wertschöpfung. Jeder souverän gelöste Kundenkonflikt, jede aus einer Beschwerde gewonnene Produktidee und jeder verhinderte Shitstorm hat einen quantifizierbaren finanziellen Wert. Wenn Sie es schaffen, einen wütenden Kritiker (Detractor) durch exzellenten Service in einen loyalen Fürsprecher (Promoter) zu verwandeln, steigern Sie direkt den Customer Lifetime Value. Studien zeigen, dass eine professionelle Betreuung zu einer extrem hohen Kundenzufriedenheit führt; so weisen beispielsweise Nutzerbewertungen eine bis zu 96%ige Kundenzufriedenheit bei professionellem Community Management aus.

Um dies gegenüber der Geschäftsleitung zu belegen, hilft ein Dashboard mit den richtigen Kennzahlen (KPIs). Anstatt nur „Likes“ und „Shares“ zu zeigen, konzentrieren Sie sich auf Metriken, die den direkten Business-Impact aufzeigen. Dies verschiebt die Wahrnehmung von Community Management von einem Callcenter zu einer strategischen Business-Intelligence-Einheit. Die folgende Checkliste bietet eine Grundlage für den Aufbau eines solchen ROI-Dashboards.

Ihr Aktionsplan: ROI-Dashboard für das Management erstellen

  1. Cost of Ignoring (Kosten der Ignoranz): Berechnen Sie die potenziellen Kosten (z.B. Kundenverlust, negative PR), die durch die Nicht-Behandlung einer kritischen Beschwerde entstanden wären.
  2. Detractor-to-Promoter Rate: Messen Sie, wie viele ursprünglich negative Kommentatoren nach Ihrer Intervention eine positive Haltung zeigen (z.B. durch einen positiven Folgekommentar).
  3. Community-getriebene Innovationen: Listen Sie die Anzahl der Produkt- oder Prozessverbesserungen auf, die direkt auf Feedback aus der Community zurückgehen.
  4. Vermiedene Krisen: Dokumentieren Sie Fälle, in denen durch frühzeitiges Eingreifen eine drohende Eskalation nachweislich verhindert wurde.
  5. Employer Branding Wert: Quantifizieren Sie den positiven Effekt einer erfolgreich bewältigten Krise auf die Arbeitgebermarke (z.B. durch positive Erwähnungen auf Kununu).

Das Risiko, bei einem Shitstorm zu schweigen und die Deutungshoheit zu verlieren

In einer aufziehenden Krise kann Schweigen verlockend sein. Die Hoffnung, dass sich der Sturm von selbst legt, ist menschlich. Doch in der digitalen Öffentlichkeit ist Schweigen selten eine Option. Es erzeugt ein Kommunikationsvakuum, das von den Kritikern, den Medien und unbeteiligten Dritten sofort gefüllt wird. Wer schweigt, überlässt anderen die Interpretation der Ereignisse und verliert die Kontrolle über die Erzählung – die sogenannte Deutungshoheit. Die Geschichte wird dann von denen geschrieben, die am lautesten sind, und nicht unbedingt von denen, die die Fakten kennen.

Dieses Phänomen ist im schnellen Schweizer Medien-Ökosystem besonders gefährlich. Eine auf Social Media entbrannte Debatte kann innerhalb von Stunden von grossen Newsportalen aufgegriffen werden, die nach Inhalten suchen, um dieses Vakuum zu füllen. Ein eindrückliches Beispiel ist der Fall der Nationalrätin Meret Schneider, deren Aussagen von einem deutschen Desinformationsportal aus dem Kontext gerissen und verbreitet wurden, was zu einem nationalen Shitstorm führte. Ohne eine schnelle und klare Einordnung durch die Betroffene selbst hätte sich die Falschinformation verfestigt und die öffentliche Wahrnehmung nachhaltig geprägt.

Proaktive Kommunikation bedeutet nicht, sich auf jede Provokation einzulassen. Es bedeutet, schnell ein erstes, souveränes Statement zu platzieren. Ein einfaches „Wir haben Ihre Kritik wahrgenommen und prüfen die Angelegenheit intern. Wir werden uns so schnell wie möglich mit einer fundierten Antwort bei Ihnen melden“ kann bereits ausreichen, um das Vakuum zu füllen. Es signalisiert Handlungsfähigkeit und entzieht den Spekulationen die Grundlage. Es kauft Ihnen wertvolle Zeit, um eine durchdachte Strategie zu entwickeln, ohne die Deutungshoheit vollständig aus der Hand zu geben. Jede Minute, in der Ihr Unternehmen schweigt, während andere reden, ist eine Minute, in der Sie die Kontrolle über Ihre eigene Geschichte verlieren.

Warum ein negativer Kununu-Eintrag Sie talentierte Fachkräfte kostet

Ein Shitstorm beschädigt nicht nur die Kundenbeziehungen und den Markenruf, sondern hat auch eine massive, oft unterschätzte Auswirkung auf das Employer Branding. In Zeiten des akuten Fachkräftemangels in der Schweiz ist die Reputation als Arbeitgeber ein entscheidender Wettbewerbsvorteil. Plattformen wie Kununu sind zum wichtigsten Schaufenster der Unternehmenskultur geworden – und ein unprofessionell gemanagter Shitstorm liefert die Steine, die dieses Schaufenster einschlagen. Potenzielle Bewerber googeln nicht nur Ihre Produkte, sondern auch Ihre Krisen.

Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Wie eine weitreichende Studie ergab, nutzen fast 78% der Jobsuchenden Arbeitgeberbewertungsportale wie Kununu, um sich vor einer Bewerbung ein Bild vom Unternehmen zu machen. Ein einzelner, unbeantworteter negativer Eintrag, der von einem Shitstorm auf Social Media herrührt und von unzufriedenen Mitarbeitern oder gar Kunden verfasst wurde, kann hochqualifizierte Talente abschrecken, bevor sie überhaupt auf „Bewerben“ klicken. Online-Bewertungen sind für Schweizer Unternehmen ein zweischneidiges Schwert: Gute Bewertungen sind kostenlose Werbung, schlechte hingegen können den Recruiting-Funnel komplett verstopfen.

Die Art und Weise, wie ein Unternehmen auf öffentliche Kritik reagiert, ist für Bewerber ein Lackmustest für die gelebte Unternehmenskultur. Reagiert das Unternehmen auf einen Shitstorm panisch, zensierend oder ignorant? Oder agiert es souverän, lösungsorientiert und wertschätzend? Die Antwort auf diese Frage sagt mehr über die Führungs- und Fehlerkultur aus als jede Hochglanz-Karrierebroschüre. Ein professionell deeskalierter Shitstorm kann sich paradoxerweise sogar positiv auf das Employer Branding auswirken. Er beweist, dass das Unternehmen auch unter Druck seine Werte lebt und fähig ist, konstruktiv mit Kritik umzugehen – eine Eigenschaft, die für Top-Talente zunehmend an Bedeutung gewinnt.

Das Wichtigste in Kürze

  • Deeskalation vor Zensur: Das Löschen von Kommentaren (ausser bei Rechtsverstössen) heizt die Empörung an (Streisand-Effekt) und untergräbt das Vertrauen. Eine souveräne Antwort ist wirksamer.
  • System schlägt Budget: Ein intelligenter Pikettdienst am Wochenende mit klaren Eskalationsregeln und Monitoring-Alarmen ist für Schweizer KMU effektiver und günstiger als ein 24/7-Dienst.
  • ROI von Community Management: Der Wert liegt nicht im „Chatten“, sondern in messbaren KPIs wie vermiedenen Krisen, der Umwandlung von Kritikern in Fans und dem Schutz der Arbeitgebermarke.

Wie nutzen Sie reaktives Community Management, um aus Beschwerden Fans zu machen?

Die ultimative Disziplin im Krisenmanagement ist nicht die blosse Abwehr von Schäden, sondern die Umwandlung negativer Energie in positive Markenloyalität. Ein wütender Kunde ist nicht nur ein Risiko, sondern auch eine riesige Chance. Eine Person, die sich die Zeit nimmt, eine Beschwerde zu formulieren, hat noch ein gewisses Mass an Engagement. Die grosse, stille Masse der Unzufriedenen ist bereits abgewandert. Diese Chance zu nutzen, erfordert einen strukturierten Prozess, der weit über eine Standard-Entschuldigung hinausgeht.

Der Prozess der „Complaint-to-Fan-Conversion“ folgt mehreren Schritten:

  1. Isolieren und Anerkennen: Reagieren Sie öffentlich, aber verlagern Sie die detaillierte Problemlösung schnell in einen privaten Kanal (DM, E-Mail, Telefon). Die öffentliche Antwort zeigt allen, dass Sie sich kümmern; die private Lösung schützt die Privatsphäre des Kunden und deeskaliert die Situation.
  2. Exzellent lösen: Hören Sie aktiv zu und lösen Sie das eigentliche Problem – nicht nur das Symptom. Wenn möglich, bieten Sie eine grosszügige Wiedergutmachung an, die den ursprünglichen Ärger überkompensiert. Persönliche Betreuung ist hier der Schlüssel.
  3. Ursache beheben und danken: Identifizieren Sie die Wurzel des Problems. War es ein Produktfehler? Ein missverständlicher Prozess? Beheben Sie die Ursache und kommunizieren Sie diese Verbesserung öffentlich. Danken Sie dem ursprünglichen Kritiker namentlich für seinen wertvollen Hinweis. Dies verwandelt ihn vom Störenfried zum wertvollen Berater.
  4. Den Kreis schliessen: Laden Sie den ehemaligen Kritiker ein, die Verbesserung als Beta-Tester zu prüfen oder nehmen Sie ihn in einen Kundenbeirat auf. Damit machen Sie ihn endgültig zum Teil der Lösung und zu einem echten Fan.

Dieser Ansatz erfordert Mut und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Wie Bitrix24 in seiner Analyse von Krisenmanagement-Strategien betont, ist das Eingeständnis der erste und wichtigste Schritt.

Zum Krisenmanagement im Social Media gehört es, dass wenn Ihr Unternehmen schuld ist, Sie auch die Verantwortung übernehmen. Zunächst sollten Sie den begangenen Fehler öffentlich eingestehen.

– Bitrix24, 10 geheime Krisenmanagement-Strategien für Social Media

Jede Beschwerde ist ein kostenloser Usability-Test und eine unbezahlbare Marktforschungschance. Indem Sie Kritik nicht als Angriff, sondern als Geschenk betrachten, verändern Sie die gesamte Dynamik und legen den Grundstein für eine widerstandsfähige und loyale Community.

Beginnen Sie noch heute damit, diese deeskalierenden Strategien in Ihre Prozesse zu integrieren, um für die nächste Krise nicht nur gewappnet, sondern strategisch überlegen zu sein.

Geschrieben von Sarah Leutenegger, Social Media Managerin und Content-Strategin für digitales Storytelling. Expertin für Community Management, Influencer-Marketing und Krisenkommunikation im Web 2.0.