Veröffentlicht am Mai 17, 2024

Für Schweizer KMU liegt der wahre Wert von A/B-Tests nicht im Jagen von Conversion-Uplifts, sondern in der methodischen Reduzierung von Geschäftsrisiken durch validiertes Kundenverständnis.

  • Radikale Änderungen sind bei wenig Traffic nötig, da kleine Anpassungen im statistischen Rauschen untergehen.
  • Ein «gescheiterter» Test, der eine falsche Annahme widerlegt, ist wertvoller als ein zufälliger Gewinner ohne Erkenntnisgewinn.

Empfehlung: Fokussieren Sie Ihre Tests auf die Validierung zentraler Hypothesen über Ihr Nutzenversprechen, anstatt auf die Optimierung kleiner Details.

Als Marketing-Manager eines Schweizer KMU blicken Sie vielleicht neidisch auf die grossen E-Commerce-Player. Diese testen täglich hunderte Varianten von Buttons, Bildern und Texten und optimieren ihre Conversion Rate im Promillebereich. Ihre Realität sieht anders aus: überschaubarer Traffic, begrenzte Ressourcen und die Notwendigkeit, jede Entscheidung sorgfältig abzuwägen. Die gängige Meinung, A/B-Testing sei nur etwas für Traffic-Giganten, ist ein weitverbreiteter Irrglaube. Viele versuchen es mit kleinen Farbänderungen oder minimalen Textanpassungen und sind frustriert, wenn die Ergebnisse uneindeutig oder statistisch nicht signifikant sind. Sie geben auf und verlassen sich wieder auf ihr Bauchgefühl.

Aber was wäre, wenn der Ansatz fundamental falsch ist? Was, wenn die wahre Stärke des A/B-Testings für KMU nicht in der kleinteiligen Optimierung, sondern in der strategischen Validierung von Kernannahmen liegt? Der Schlüssel liegt darin, A/B-Testing nicht als Lotterie für schnelle Gewinne zu betrachten, sondern als methodisches Werkzeug zur Generierung von tiefem Kundenverständnis und zur Minimierung teurer Fehlentscheidungen. Es geht darum, mutige Hypothesen aufzustellen, die bei Erfolg oder Misserfolg echte Einblicke in die Denkweise Ihrer Zielgruppe liefern. Statt zu fragen «Welcher Button ist besser?», lautet die strategische Frage: «Versteht der Markt unser Nutzenversprechen wirklich?»

Dieser Artikel führt Sie durch einen methodisch sauberen Prozess, um auch mit begrenztem Traffic aussagekräftige Tests durchzuführen. Wir zeigen Ihnen, warum radikale Änderungen unerlässlich sind, wie Sie wasserdichte Hypothesen formulieren und welche nDSG-konformen Tools sich für den Schweizer Markt eignen. Sie lernen, die häufigsten statistischen Fallen zu umgehen und den wahren Wert aus jedem einzelnen Test zu ziehen – selbst wenn er «scheitert».

Um diese strategische Neuausrichtung des A/B-Testings für Ihr Unternehmen greifbar zu machen, haben wir die wichtigsten Aspekte in den folgenden Kapiteln detailliert aufbereitet. Der Artikel bietet Ihnen einen klaren Fahrplan, um von vagen Vermutungen zu datengestützten, validierten Entscheidungen zu gelangen.

Warum Sie bei geringen Besucherzahlen radikale Änderungen statt kleiner Farbspiele testen müssen

Der fundamentale Grund, warum der Test einer neuen Button-Farbe bei 500 Besuchern pro Woche ins Leere läuft, ist rein statistischer Natur. Jede Website hat eine Basis-Conversion-Rate, die von Tag zu Tag natürlichen Schwankungen unterliegt. Ein A/B-Test muss einen Effekt nachweisen, der signifikant stärker ist als dieses Grundrauschen. Eine kleine Änderung – etwa von Blau zu Grün – erzeugt im besten Fall eine minimale Verbesserung von 1-2%. Um einen solch geringen Uplift statistisch sauber nachzuweisen, benötigen Sie eine enorme Datenmenge. Berechnungen zeigen, dass selbst bei einer hohen Conversion Rate von 30% und einer erwarteten Verbesserung von 20% bereits 929 Besucher pro Variante für statistische Signifikanz benötigt werden. Bei einer realistischeren erwarteten Steigerung von 5% explodiert diese Zahl.

Für KMU mit limitiertem Traffic ist die Konsequenz klar: Sie müssen auf radikale Änderungen setzen. Statt die Farbe eines Buttons zu ändern, testen Sie eine komplett neue Anordnung der Seite, ein fundamental anderes Nutzenversprechen im Header oder den Tausch eines Kontaktformulars gegen einen interaktiven Rechner. Das Ziel ist nicht, eine 5%-Verbesserung zu erzielen, sondern eine potenzielle Steigerung von 20-30% oder mehr. Nur ein derart starker Effekt hat die Chance, sich schnell und deutlich vom statistischen Rauschen abzuheben.

Konzentrieren Sie Ihre Testbemühungen auf Elemente, die den grössten Einfluss auf die Conversion haben. Anstatt tief im Checkout-Prozess zu optimieren, wo nur noch wenige Nutzer ankommen, testen Sie lieber Änderungen an Ihrer Startseite, den wichtigsten Landingpages oder der globalen Menüleiste. Ein weiterer Hebel ist die Reduzierung der Komplexität: Testen Sie eine Variante gegen die Kontrolle, anstatt drei oder vier. Das halbiert die benötigte Stichprobengrösse und damit die Testdauer. Radikal zu testen bedeutet, mutige, hypothesengetriebene Änderungen am Kern Ihres Angebots vorzunehmen, nicht kosmetische Anpassungen an der Oberfläche.

Wie formulieren Sie eine Test-Hypothese, die wirklich zu Erkenntnissen führt?

Ein Test ohne eine klare Hypothese ist wie eine Reise ohne Ziel: Man bewegt sich, weiss aber nicht wohin und kann am Ende nicht sagen, was man gelernt hat. Viele A/B-Tests scheitern nicht an der statistischen Auswertung, sondern bereits an einer schwachen oder fehlenden Hypothese. Eine gute Hypothese ist das methodische Herzstück jedes Experiments. Sie zwingt Sie, vorab über das erwartete Ergebnis und die Gründe dafür nachzudenken. Dies verschiebt den Fokus von «Gewinnen oder Verlieren» zu «Lernen und Verstehen».

Eine robuste Hypothese folgt meist einer klaren Struktur: «Wir glauben, dass eine Änderung [X] für die Zielgruppe [Y] zu einem Ergebnis [Z] führen wird, weil [Begründung].» Die Begründung ist der entscheidende Teil. Sie kann auf qualitativen Daten (Kundenfeedback, Umfragen), Webanalyse-Daten (hohe Absprungraten auf einer bestimmten Seite) oder psychologischen Prinzipien (Social Proof, Dringlichkeit) basieren. Ein konkretes Beispiel: Bei einem Kunden wurde eine hohe Absprungrate in den ersten Sekunden von YouTube-Videos festgestellt. Die Hypothese war: „Wir glauben, dass die Verkürzung des Intros (Änderung X) für neue Zuschauer (Zielgruppe Y) die Zuschauerbindung (Ergebnis Z) erhöhen wird, weil das lange Intro als irrelevant empfunden wird und die Nutzer ungeduldig sind (Begründung).“

Abstrakte Darstellung eines Hypothesen-Frameworks mit geometrischen Formen

Dieses Framework hilft, diszipliniert zu denken. Statt einfach «ein kürzeres Intro» zu testen, validieren oder falsifizieren Sie die Annahme, dass die Länge des Intros ein kritisches Problem für die Nutzerbindung ist. Wenn der Test fehlschlägt, wissen Sie, dass nicht die Länge das Problem war, sondern vielleicht der Inhalt des Intros. Wenn er erfolgreich ist, haben Sie eine wertvolle Kundenerkenntnis gewonnen, die weit über das einzelne Video hinausgeht. Starke Hypothesen sind der Motor für strategisches Lernen und stellen sicher, dass jeder Test, unabhängig vom Ausgang, einen Mehrwert für Ihr Unternehmen schafft.

Google Optimize Alternativen: Welches Tool ist günstig und nDSG-konform?

Mit der Einstellung von Google Optimize im Jahr 2023 stehen viele Schweizer KMU vor der Frage, welches A/B-Testing-Tool die Lücke füllt. Die Anforderungen sind klar: Das Werkzeug muss erschwinglich, einfach zu bedienen und vor allem mit dem neuen Schweizer Datenschutzgesetz (nDSG) konform sein. Die Verwendung von Tools, die Daten auf US-Servern verarbeiten und auf Cookies von Drittanbietern angewiesen sind, ist aus Datenschutzsicht zunehmend problematisch geworden. Für Schweizer Unternehmen ist die Wahl eines Anbieters mit Serverstandort in der Schweiz oder zumindest in der EU mit einem adäquaten Datenschutzniveau entscheidend.

Eine vielversprechende Alternative ist Matomo, eine Open-Source-Webanalyse-Plattform. Insbesondere in der selbst gehosteten Variante bietet es maximale Datenkontrolle. Wie der Schweizer Hoster Layer Swiss betont, ist Matomo eine Lösung, die Unternehmen volle Souveränität über ihre Daten gibt und hohe Datenschutzstandards erfüllt:

Es bietet Optionen zur Cookies-losen Implementierung und integrierte Tools wie A/B-Tests. Matomo gibt Unternehmen mehr Kontrolle und Flexibilität über ihre Daten und hält Datenschutzstandards ein.

– Layer Swiss, Matomo – die konforme und starke Tracking-Lösung

Die A/B-Testing-Funktionalität kann in Matomo über ein Plugin hinzugefügt werden, das teilweise sogar kostenlos verfügbar ist. Dies macht es zu einer sehr kosteneffizienten Lösung. Die folgende Tabelle vergleicht die wichtigsten Aspekte für Schweizer KMU.

Vergleich nDSG-konformer A/B-Testing Tools für Schweizer KMU
Tool nDSG-konform Serverstandort CH/EU Cookie-less möglich A/B-Testing integriert
Matomo (selbst gehostet) ✓ Ja ✓ Wählbar ✓ Ja ✓ Plugin verfügbar
Google Optimize ✗ Nein ✗ USA ✗ Nein ✓ Ja (eingestellt 2023)
Simple AB Testing (Matomo) ✓ Ja ✓ Bei CH-Hosting ✓ Ja ✓ Kostenlos

Die Entscheidung für ein nDSG-konformes Tool wie Matomo ist nicht nur eine rechtliche Absicherung, sondern auch ein Vertrauenssignal an Ihre Kunden. Es zeigt, dass Sie den Datenschutz ernst nehmen und verantwortungsvoll mit den Daten Ihrer Nutzer umgehen. Für KMU ist dies eine Chance, sich durch Transparenz und Zuverlässigkeit vom Wettbewerb abzuheben.

Der Fehler, einen Test zu früh zu beenden und falschen Daten zu vertrauen

Einer der kostspieligsten und häufigsten Fehler im A/B-Testing ist die menschliche Ungeduld. Sie starten einen Test und nach zwei Tagen scheint Variante B mit 95%iger Signifikanz zu gewinnen. Die Versuchung, den Test sofort zu beenden und den «Gewinner» live zu schalten, ist riesig. Doch dies ist ein klassischer Fall von «Peeking» – dem verfrühten Blick auf die Daten. Statistische Signifikanz ist kein stabiler Wert, der linear ansteigt. Besonders bei kleinen Stichproben schwankt er stark und kann durch Zufall hohe Werte erreichen, nur um wenige Tage später wieder abzufallen.

Die benötigte Testdauer hängt direkt vom Traffic und der Conversion Rate ab. Eine Berechnung für typische KMU-Websites zeigt, dass ein Test bei 1.000 Besuchern pro Tag und einer Conversion Rate von 5% bis zu 122 Tage laufen müsste, um eine kleine Verbesserung statistisch sauber nachzuweisen. Das verdeutlicht, warum radikale Änderungen mit hohem erwartetem Uplift so entscheidend sind, um die Testdauer zu verkürzen. Vor dem Teststart sollte immer die benötigte Stichprobengrösse und die daraus resultierende Mindestlaufzeit berechnet werden. Dies schützt vor voreiligen Schlüssen. Ein Test sollte zudem immer über ganze Geschäftszyklen (z.B. volle Wochen) laufen, um saisonale Schwankungen wie das unterschiedliche Nutzerverhalten am Wochenende auszugleichen.

Abstrakte Darstellung von Datenpunkten über Zeit ohne lesbare Achsenbeschriftungen

Eine kleine Stichprobe kann zwar einen ersten Eindruck vermitteln, hat aber oft keinen echten statistischen Wert. Wie Experten warnen, führt das Vertrauen auf solche unzuverlässigen Daten leicht zu Fehlschlüssen. Das Ergebnis ist eine «Optimierung», die in Wahrheit keine ist oder sogar schadet. Geduld ist eine statistische Tugend. Einen Test vor Erreichen der vorab definierten Stichprobengrösse abzubrechen, invalidiert das gesamte Experiment. Vertrauen Sie dem Prozess, nicht dem zufälligen Zwischenergebnis.

Warum ein gescheiterter Test oft wertvoller ist als ein zufälliger Gewinner

In der traditionellen Denkweise ist ein A/B-Test, bei dem die neue Variante verliert oder kein signifikanter Unterschied zur Kontrolle besteht, ein Misserfolg. Aus der Perspektive des methodischen Lernens ist diese Sichtweise falsch. Ein sogenannter «gescheiterter» Test, der auf einer starken Hypothese basiert, ist oft wertvoller als ein zufälliger Gewinner. Warum? Weil er eine falsche Annahme über Ihre Kunden widerlegt hat. Sie wissen nun mit Datensicherheit, dass eine bestimmte Idee nicht funktioniert. Dieses Wissen ist extrem wertvoll, denn es verhindert zukünftige Fehlinvestitionen in Marketingkampagnen, Produktfeatures oder Content-Strategien, die auf dieser falschen Annahme aufgebaut wären.

Ein zufälliger Gewinner hingegen, der aus einem Test ohne klare Hypothese hervorgeht (z.B. „Testen wir mal einen grünen Button“), liefert keine nachhaltige Erkenntnis. Sie wissen, dass Grün besser war als Blau, aber Sie wissen nicht, warum. War es der Kontrast? Die emotionale Assoziation der Farbe? Zufall? Dieses Ergebnis ist nicht auf andere Kontexte übertragbar und hilft Ihnen nicht, bessere strategische Entscheidungen zu treffen. Der wahre ROI des A/B-Testings für KMU liegt nicht im inkrementellen Uplift einzelner Tests, sondern im kumulativen Aufbau von validiertem Kundenwissen.

Um diesen Wert systematisch zu erfassen, ist ein Test-Erkenntnis-Protokoll unerlässlich. Dieses Dokument dient als Gedächtnis Ihrer Organisation und stellt sicher, dass die Learnings aus jedem Test – ob erfolgreich oder nicht – festgehalten und für die Zukunft nutzbar gemacht werden.

Ihr Aktionsplan: Ein Test-Erkenntnis-Protokoll für Ihr KMU erstellen

  1. Ursprüngliche Hypothese dokumentieren: Notieren Sie präzise, was Sie erwartet haben und auf welcher Datengrundlage diese Erwartung beruhte.
  2. Testergebnis festhalten: Halten Sie fest, welche Variante mit welchen primären und sekundären Metriken gewonnen oder verloren hat und mit welcher statistischen Signifikanz.
  3. Kundenerkenntnisse extrahieren: Formulieren Sie in ein bis zwei Sätzen, was dieser Test Ihnen über das Verhalten, die Vorlieben oder die Probleme Ihrer Schweizer Zielgruppe verraten hat.
  4. Strategische Implikationen ableiten: Leiten Sie daraus ab, welche zukünftigen Tests, Produktänderungen oder Marketingbotschaften sich aus dieser Erkenntnis ergeben.
  5. Kosteneinsparung berechnen: Schätzen Sie (wenn möglich), welche potenziellen Fehlinvestitionen durch die Widerlegung der Hypothese vermieden wurden.

Betrachten Sie jeden Test als eine Investition in Wissen. Ein negatives Ergebnis, das eine teure Fehlstrategie verhindert, hat einen weitaus höheren Return on Investment als ein kleiner, unerklärlicher Gewinn.

Wie validieren Sie Ihr Nutzenversprechen vor dem grossen Launch?

Ein Produktlaunch oder der Eintritt in einen neuen Markt ist für jedes KMU mit erheblichen Risiken verbunden. A/B-Testing-Prinzipien können bereits vor dem eigentlichen Launch angewendet werden, um die wichtigste aller Hypothesen zu validieren: Interessiert sich der Markt überhaupt für unser Nutzenversprechen? Anstatt Tausende von Franken in die Produktentwicklung zu stecken, können Sie mit sogenannten «Smoke Tests» (Rauchtests) das Interesse kostengünstig und schnell messen. Ein Smoke Test simuliert ein Angebot, das noch nicht existiert, um die Nachfrage zu quantifizieren.

Ein klassischer Ansatz ist die Schaltung von Anzeigen auf Social-Media-Plattformen, die auf eine einfache Landingpage führen. Diese Seite beschreibt das zukünftige Produkt oder die Dienstleistung und hat einen klaren Call-to-Action, z.B. «Für Early-Access-Liste eintragen» oder «Bei Launch benachrichtigt werden». Die Conversion Rate auf dieser Seite – also der Prozentsatz der Besucher, die ihre E-Mail-Adresse hinterlassen – ist ein starker Indikator für das Marktinteresse. Hier können Sie auch A/B-Tests im Kleinen durchführen: Testen Sie zwei verschiedene Nutzenversprechen in den Anzeigentexten oder auf der Landingpage gegeneinander. Welche Botschaft generiert mehr Anmeldungen?

Für Schweizer KMU ist die Wahl der Plattform entscheidend. Laut Statista-Daten zur Social-Media-Nutzung entfielen in der Schweiz zuletzt rund 65% der Seitenaufrufe von sozialen Netzwerken auf Facebook, was es zu einer primären Plattform für solche Tests macht. Instagram folgt mit etwa 12%. Sie können die Klickrate (CTR) Ihrer Anzeigen als erste Proxy-Metrik verwenden. Auch wenn es keine universell «gute» CTR gibt, da sie stark von der Nische abhängt, gibt Ihnen der Vergleich zweier Anzeigenvarianten eine klare Tendenz, welche Botschaft mehr Aufmerksamkeit erregt. Diese Form der Vorab-Validierung ist eine extrem effiziente Methode zur Risikominimierung und stellt sicher, dass Sie Ressourcen in Projekte investieren, für die eine nachweisbare Nachfrage besteht.

Wie ziehen Sie statistisch relevante Schlüsse, wenn Sie nur 50 Bestellungen pro Tag haben?

Wenn die finale Conversion – zum Beispiel ein Kauf oder eine Kontaktanfrage – nur selten auftritt, ist es fast unmöglich, in angemessener Zeit eine ausreichende Stichprobengrösse für einen A/B-Test zu erreichen. Bei 50 Bestellungen pro Tag bräuchten Sie Monate, um eine statistisch signifikante Änderung der Kaufrate nachzuweisen. Die Lösung liegt in der Verwendung von Proxy-Metriken, auch Mikro-Conversions genannt. Dies sind Aktionen, die ein Nutzer auf dem Weg zur finalen Conversion durchführt und die deutlich häufiger auftreten.

Eine Proxy-Metrik ist ein starker Indikator für die eigentliche Kaufabsicht. Anstatt die Anzahl der Käufe zu messen, messen Sie beispielsweise die Anzahl der Klicks auf den «In den Warenkorb»-Button. Da diese Aktion viel häufiger stattfindet, erreichen Sie die für einen Test benötigte Fallzahl wesentlich schneller. Die Annahme dahinter ist logisch: Wenn eine Variante B signifikant mehr Nutzer dazu bewegt, ein Produkt in den Warenkorb zu legen, ist es sehr wahrscheinlich, dass sie langfristig auch zu mehr Käufen führen wird. Dies gilt es jedoch später zu überprüfen. Die Kunst besteht darin, die richtige Proxy-Metrik für Ihr Geschäftsmodell und Ihre spezifische Testhypothese zu wählen.

Hier sind einige Beispiele für effektive Proxy-Metriken, die bei Tests mit wenig finalen Conversions eingesetzt werden können:

  • Für E-Commerce-Seiten: Messen von «In den Warenkorb»-Events oder Anmeldungen zum Newsletter statt abgeschlossener Käufe.
  • Für B2B-Websites mit langen Formularen: Messen von Formular-Starts statt komplett abgeschickter Anfragen.
  • Für Landingpages: Messen der Klicks auf den primären Call-to-Action statt der finalen Conversion auf der Folgeseite.
  • Für Content-Seiten und Blogs: Messen von Engagement-Metriken wie der durchschnittlichen Verweildauer, der Scrolltiefe oder der Klickrate auf weiterführende Links.

Der Einsatz von Proxy-Metriken ermöglicht es Ihnen, auch mit wenig Traffic schnelle Lernzyklen zu durchlaufen und hypothesengetriebene Optimierungen vorzunehmen. Es ist ein pragmatischer Kompromiss, der es erlaubt, Richtungssignale zu erhalten, wo man ansonsten im Dunkeln tappen würde. Wichtig ist, die Korrelation zwischen der Proxy-Metrik und der Makro-Conversion regelmässig zu überprüfen, um sicherzustellen, dass Sie nicht in die falsche Richtung optimieren.

Das Wichtigste in Kürze

  • Methodik vor Ergebnis: Der Hauptzweck von A/B-Tests für KMU ist das validierte Lernen über Kunden, nicht das Erreichen eines bestimmten Uplifts.
  • Statistische Realität: Bei wenig Traffic sind nur radikale Änderungen mit einem erwarteten Uplift von >20% sichtbar. Kleine Anpassungen sind Zeitverschwendung.
  • Nutzwert von Fehlschlägen: Ein Test, der eine falsche Hypothese widerlegt, ist wertvoll, da er zukünftige Fehlinvestitionen verhindert und echtes Wissen schafft.

Welche KPI-Sets brauchen Sie wirklich, um den Erfolg Ihres Marketings zu belegen?

Um den Erfolg von A/B-Tests und Marketing-Aktivitäten insgesamt zu belegen, reicht es nicht, nur auf eine einzige Metrik wie die Conversion Rate zu starren. Ein professionelles Setup erfordert ein hierarchisches KPI-Modell, das Ihnen auf verschiedenen Ebenen Aufschluss gibt und vor Fehlinterpretationen schützt. Dieses Modell agiert wie ein Cockpit, das nicht nur die Geschwindigkeit, sondern auch die Flughöhe und den Treibstoffstand anzeigt. Gerade im Kontext von A/B-Tests ist dieses mehrschichtige System entscheidend, um den wahren Effekt einer Änderung zu verstehen.

Ein solches Modell lässt sich in verschiedene Ebenen unterteilen. An der Spitze steht die Nordstern-KPI, die den langfristigen Unternehmenserfolg misst, wie z.B. der Customer Lifetime Value (CLV). Darunter liegen die direkten Test-KPIs, die zur Validierung der Hypothese dienen (z.B. Conversion Rate, Klickrate). Eine entscheidende, aber oft vergessene Ebene sind die Leitplanken-KPIs (Guardrail Metrics). Diese stellen sicher, dass eine Optimierung nicht an anderer Stelle Schaden anrichtet. Verbessert eine neue Variante zwar die Conversion Rate, erhöht aber gleichzeitig die Ladezeit oder die Anzahl der Support-Anfragen, war der Test kein echter Erfolg. In der Schweiz, wo laut aktuellen StatCounter-Daten für die Schweiz rund 38,4% aller Internet-Seitenaufrufe über mobile Endgeräte erfolgen, ist eine separate Betrachtung der KPIs für Desktop und Mobile eine unverzichtbare Leitplanke.

Das folgende hierarchische KPI-Modell bietet eine Struktur, um Tests systematisch zu bewerten und den Marketing-Erfolg ganzheitlich zu belegen.

Hierarchisches KPI-Modell für Schweizer KMU
KPI-Ebene Beispiel-Metrik Messfrequenz Verwendung im A/B-Test
Nordstern-KPI Customer Lifetime Value (CLV) Quartalsweise Strategische Validierung
Test-KPIs Conversion Rate, CTR Täglich während Test Primäre Erfolgsmessung
Leitplanken-KPIs Ladezeit, Absprungrate Kontinuierlich Qualitätssicherung
Proxy-Metriken Newsletter-Signups, Add-to-Cart Stündlich Bei wenig Traffic

Durch die Etablierung eines solchen KPI-Sets verwandeln Sie A/B-Testing von einer isolierten Taktik in einen integrierten Bestandteil Ihrer strategischen Unternehmenssteuerung. Sie können fundiert argumentieren, warum eine Änderung nicht nur eine lokale Metrik verbessert, sondern positiv auf die übergeordneten Geschäftsziele einzahlt – oder warum ein scheinbarer Gewinn bei genauerer Betrachtung ein Verlustgeschäft ist.

Ein durchdachtes Set an Kennzahlen ist die Grundlage, um den wahren Wert Ihrer Marketing-Anstrengungen zu messen und zu kommunizieren. Es ist das Fundament, auf dem alle Ihre Optimierungsbemühungen aufbauen sollten.

Geschrieben von Lukas Zürcher, Data-Driven Marketing Experte und zertifizierter Datenschutzbeauftragter mit Fokus auf nDSG-Konformität und ROI-Messung. Technischer Analyst für digitale Ökosysteme und Tracking-Lösungen ohne Third-Party-Cookies.