Veröffentlicht am Mai 18, 2024

Erfolgreiches Marketing in der Schweiz ist keine Frage der Übersetzung, sondern der organisatorischen Intelligenz und kulturellen Empathie.

  • Eine 1:1-Übersetzung deutscher Kampagnen scheitert oft an den tiefen kulturellen Unterschieden der Sprachregionen (dem „mentalen Röstigraben“).
  • Die Mediennutzung variiert stark: Das Tessin bevorzugt Fernsehen, die Romandie das Kino und die Deutschschweiz Radio und Podcasts.

Empfehlung: Implementieren Sie eine flexible „Hub-and-Spoke“-Struktur. Ein zentrales Team (Hub) gibt die Markenstrategie vor, während lokale Teams (Spokes) für die kulturell passende Umsetzung in den Regionen verantwortlich sind.

Stellen Sie sich vor: Sie lancieren eine brillant konzipierte, humorvolle Marketingkampagne in der Deutschschweiz. Die KPIs sind exzellent, das Echo ist grossartig. Euphorisch lassen Sie die Kampagne ins Französische und Italienische übersetzen und rollen sie in der Romandie und im Tessin aus. Doch dort herrscht Stille. Die Interaktionsraten sind im Keller, die Verkäufe stagnieren. Was ist passiert? Sie sind direkt in die häufigste Falle des Schweizer Marketings getappt: die Annahme, der Röstigraben sei nur eine sprachliche Barriere.

Viele nationale Marketingleiter glauben, eine professionelle Übersetzung sei der Schlüssel zum Erfolg in der mehrsprachigen Schweiz. Man investiert in Agenturen, die Slogans wortgetreu übertragen, und wundert sich dann über die ausbleibende Wirkung. Doch die Realität ist komplexer. Die sprachlichen Grenzen in der Schweiz sind auch kulturelle, mentale und mediale Gräben. Ein Witz, der in Zürich funktioniert, kann in Genf befremdlich wirken. Ein Produktnutzen, der in St. Gallen überzeugt, ist in Lugano möglicherweise irrelevant. Das Problem liegt also nicht in der Sprache, sondern im Verständnis der dahinterliegenden Lebenswelten.

Doch was, wenn der Schlüssel nicht in der perfekten Übersetzung liegt, sondern in einer intelligenteren Organisation Ihres Marketings? Dieser Artikel bricht mit der oberflächlichen Betrachtung und stellt einen neuen Ansatz in den Mittelpunkt: die organisatorische Intelligenz. Wir werden zeigen, dass der Erfolg nicht von der Wortwahl abhängt, sondern von einer Struktur, die zentrale Markenführung mit radikaler lokaler Empathie verbindet. Es geht darum, von der reinen Übersetzung zur kulturellen Transkreation zu gelangen.

Wir analysieren, warum Kampagnen scheitern, wie Sie Ihre Medienstrategie regional anpassen und welche Organisationsform für den föderalistischen Schweizer Markt am effizientesten ist. So überwinden Sie nicht nur den Röstigraben, sondern bauen echte Verbindungen zu Ihren Kunden in allen Landesteilen auf.

Dieser Leitfaden führt Sie durch die strategischen Überlegungen und praktischen Schritte, die für ein erfolgreiches gesamt-schweizerisches Marketing unerlässlich sind. Die folgende Gliederung gibt Ihnen einen Überblick über die Kernthemen, die wir behandeln werden.

Warum eine Übersetzung Ihrer deutschen Kampagne in der Westschweiz floppt

Der Glaube, eine erfolgreiche Deutschschweizer Kampagne müsse für die Romandie nur übersetzt werden, ist ein kostspieliger Irrtum. Der Grund liegt im „mentalen Röstigraben“: Werte, Humor und kulturelle Referenzen sind oft fundamental verschieden. Ein Produkt oder eine Botschaft hat nicht in jeder Sprachregion die gleiche emotionale Aufladung. Die blosse Übertragung von Wörtern ignoriert diesen entscheidenden Kontext und führt zu Kampagnen, die im besten Fall irrelevant, im schlimmsten Fall peinlich sind.

Die Herausforderung geht über die Sprache hinaus und erfordert eine kulturelle Transkreation. Anstatt zu fragen „Wie übersetzen wir das?“, lautet die strategische Frage: „Wie vermitteln wir die gleiche Kernbotschaft und Emotion auf eine Weise, die in der Zielkultur authentisch und relevant ist?“. Dies kann bedeuten, den Slogan, die Bildsprache und sogar den beworbenen Produktnutzen komplett zu überdenken.

Fallbeispiel: Der FDP-Slogan und die Bratwurst-Grenze

Ein prägnantes Beispiel für einen kulturellen Fehlschlag lieferte eine Kampagne der FDP. Der Slogan „Bratwürste legalisieren“, der sich für den Nachteinkauf in Tankstellenshops einsetzte, funktionierte in der Deutschschweiz, wo die Bratwurst einen starken kulturellen Stellenwert hat. Arnaud Bonvin, Kommunikationschef der FDP Schweiz, gab jedoch zu, dass die französische Übersetzung „etwas komisch“ wirkte. Der Grund: Westschweizer haben keine vergleichbare Beziehung zur Bratwurst wie beispielsweise St. Galler. Die Kampagne verfehlte in der Romandie ihre Wirkung, weil die kulturelle Referenz fehlte und die Botschaft ihre Pointe verlor.

Dieses Beispiel zeigt, dass eine erfolgreiche Kampagne tief im kulturellen Humus der Zielregion verwurzelt sein muss. Ohne dieses Verständnis bleibt Marketing oberflächlich und wirkungslos. Es ist entscheidend, lokale Teams oder Berater einzubeziehen, die nicht nur die Sprache, sondern auch die Seele der Region verstehen.

Wie wählen Sie Medienkanäle für das Tessin anders als für Zürich?

Die Wahl der richtigen Medienkanäle ist ebenso entscheidend wie die kulturelle Anpassung der Botschaft. Die Schweizer Bevölkerung konsumiert Medien je nach Sprachregion sehr unterschiedlich. Eine Kampagne, die in der Deutschschweiz primär auf Podcasts und Radio setzt, wird im Tessin, wo das lineare Fernsehen eine höhere Relevanz hat, nicht die gleiche Reichweite erzielen. Nationale Marketingleiter müssen daher ihre Budgets und Kanalstrategien regional differenzieren, anstatt einem einheitlichen Ansatz zu folgen.

Die Unterschiede sind signifikant und spiegeln verschiedene Lebensstile und Gewohnheiten wider. Während beispielsweise Deutschschweizer überdurchschnittlich oft Radio hören, gehen Romands häufiger ins Kino. Laut einer Studie gehen 60% der Romands mindestens alle sechs Monate ins Kino, verglichen mit 54% in der Deutschschweiz. Im Gegensatz dazu hören 92% der Deutschschweizer Radio, aber nur 86% in der Romandie. Diese Daten zeigen, dass eine „One-size-fits-all“-Medienplanung in der Schweiz ineffizient ist.

Mediennutzung im Vergleich: Deutschschweiz, Romandie, Tessin
Medium/Aktivität Deutschschweiz Romandie Tessin
Radio (gelegentliche Nutzung) 92% 86% 88%
Kinobesuch (mind. alle 6 Monate) 54% 60% 52%
Social Media (Führend) Mittel Hoch Mittel
Gaming 24% (täglich) 19% (täglich) 15% (täglich)
Podcasts Am beliebtesten Mittel Niedrig
Tägliches Fernsehen Mittel Mittel Am häufigsten

Die Tabelle verdeutlicht die Notwendigkeit einer hyper-segmentierten Medienstrategie. Um das Tessin zu erreichen, sollte das Fernsehen eine prominentere Rolle im Mediamix spielen. In der Romandie könnten Kinowerbung und Social-Media-Kampagnen eine höhere Rendite erzielen. In der Deutschschweiz bleiben Audio-Formate wie Radio und Podcasts extrem stark. Die Kunst besteht darin, ein nationales Budget so aufzuteilen, dass es die regionalen Stärken der jeweiligen Kanäle optimal nutzt.

Zentrale Steuerung oder kantonale Autonomie: Welche Struktur ist effizienter?

Die Frage nach der richtigen Organisationsstruktur ist für national agierende Unternehmen in der Schweiz zentral. Soll die Marketingstrategie zentral in Zürich entwickelt und in die Regionen „ausgerollt“ werden? Oder sollten die Teams in Genf und Lugano volle Autonomie erhalten? Die Antwort liegt oft in einem hybriden Ansatz, der das Beste aus beiden Welten vereint: dem Hub-and-Spoke-Modell. Dieses Modell ist ein Kernstück der organisatorischen Intelligenz, die für den Erfolg in der Schweiz notwendig ist.

Dieses Modell besteht aus einem zentralen Marketingteam (dem „Hub“), das für die übergeordnete Markenstrategie, die Kernbotschaften und die globalen Kampagnen-Assets verantwortlich ist. Regionale Teams (die „Spokes“) sind in den Sprachregionen angesiedelt. Ihre Aufgabe ist es, die zentralen Initiativen zu nehmen und sie für ihren Markt kulturell zu adaptieren – eine echte Transkreation. Sie stellen sicher, dass die Kampagne die lokale Zielgruppe emotional erreicht, ohne die Markenkonsistenz zu verletzen. Wie eine Studie zum Hub-and-Spoke-Modell für globale Marken zeigt, ermöglicht diese Struktur die Erstellung grosser Mengen an genehmigtem Marketing-Content bei gleichzeitiger Sicherstellung der weltweiten Markenausrichtung.

Visualisierung eines Hub-and-Spoke Marketingmodells mit zentraler Steuerung und regionalen Anpassungen

Dieses Modell bietet die perfekte Balance: Der Hub sichert die Effizienz und Markenkonsistenz, während die Spokes die notwendige lokale Relevanz und Agilität garantieren. In manchen Fällen kann jedoch eine noch stärkere Dezentralisierung sinnvoll sein, insbesondere bei hochsensiblen oder politisch aufgeladenen Themen. Arnaud Bonvin, Kommunikationschef der FDP Schweiz, bestätigt diesen pragmatischen Ansatz:

Bei manchen Abstimmungen haben wir extra drei Kommunikationsagenturen – in der Deutschschweiz, der Westschweiz und im Tessin – beauftragt, wie etwa bei der Abstimmung zur Einheitskasse.

– Arnaud Bonvin, FDP Schweiz Kommunikationschef, Interview SRF

Eine effiziente Struktur ist also nicht starr, sondern passt sich der jeweiligen Herausforderung an. Das Hub-and-Spoke-Modell bildet eine exzellente Basis, die bei Bedarf durch vollständig autonome, lokale Initiativen ergänzt werden kann.

Die Gefahr, kantonale Werbegesetze zu ignorieren

Die Komplexität des Schweizer Marktes beschränkt sich nicht auf Sprache und Kultur; sie erstreckt sich auch auf das Recht. Der Föderalismus führt zu einem Flickenteppich aus kantonalen und kommunalen Vorschriften, die für Werbetreibende zu kostspieligen Fallstricken werden können. Was in einem Kanton erlaubt ist, kann im nächsten bereits verboten sein. Dies betrifft insbesondere Bereiche wie Plakatwerbung, die Bewerbung von Alkohol und Tabak, Glücksspiel oder auch simple Verkaufsförderungsaktionen.

Beispielsweise sind die Regeln für Aussenwerbung (Grösse, Platzierung, Dauer) oft kommunal geregelt. Eine nationale Plakatkampagne muss daher auf Dutzende verschiedene Vorschriften Rücksicht nehmen. Auch bei Promotionsmechaniken ist Vorsicht geboten: Der Begriff „Gratis“ wird in manchen Kantonen strenger ausgelegt als in anderen, um irreführende Werbung zu vermeiden. Die Ignoranz dieser Regeln kann nicht nur zu Bussen führen, sondern auch zu einem Reputationsschaden, wenn eine Kampagne zurückgezogen werden muss.

Daher ist es unerlässlich, bei der Kampagnenplanung entweder auf eine Agentur mit nachgewiesener lokaler Rechtsexpertise zu setzen oder eine eigene juristische Prüfung für jeden Kanton durchzuführen. Eine Einheitskampagne für das ganze Land ist nicht nur kulturell, sondern oft auch rechtlich ein Zeichen mangelnder lokaler Expertise. Der anspruchsvolle Schweizer Markt erwartet ein hohes Mass an Qualität und Authentizität, was auch die Einhaltung lokaler Spielregeln einschliesst.

Audit-Checkliste: Kantonale Werberichtlinien

  1. Regulierte Produkte prüfen: Inventarisieren Sie alle kantonalen Gesetze bezüglich Ihrer Produktkategorie (z.B. Alkohol, Tabak, Finanzdienstleistungen, Pharma). Gibt es unterschiedliche Werbeverbote oder -einschränkungen?
  2. Promotionsmechanik validieren: Lassen Sie die rechtliche Zulässigkeit von Aktionen wie „2 für 1“, „Gratis“ oder Wettbewerben von einem lokalen Experten für jeden Zielkanton prüfen.
  3. Aussenwerbung abklären: Kontaktieren Sie die zuständigen kommunalen Behörden (oft die Bau- oder Polizeibehörde) für die Genehmigung von Plakatstandorten, Grösse und Dauer.
  4. Sprachliche Vorgaben: Klären Sie ab, ob in bestimmten Gemeinden oder für offizielle Kommunikation eine Amtssprache vorgeschrieben ist (z.B. in zweisprachigen Gebieten).
  5. Datenschutz (DSG): Stellen Sie sicher, dass Ihre Datenerhebung und -verarbeitung im Rahmen der Kampagne dem neuen Schweizer Datenschutzgesetz (DSG) entspricht, das sich vom EU-DSGVO unterscheidet.

Die rechtliche Konformität ist kein „nice-to-have“, sondern eine Grundvoraussetzung für nachhaltiges Marketing in der Schweiz. Eine sorgfältige Planung schützt vor unliebsamen Überraschungen und stärkt das Vertrauen der Konsumenten.

Wann Sie Kampagnen starten sollten, um kantonale Feiertage zu berücksichtigen

Ein weiterer Aspekt, der oft übersehen wird, ist der Kalender. Die Schweiz hat nur wenige nationale Feiertage. Die meisten Feiertage, Feste und Traditionen sind kantonal oder sogar kommunal verankert. Diese Anlässe bieten eine hervorragende Gelegenheit für relevantes, lokal verankertes Marketing – wenn man sie kennt und richtig nutzt. Eine Kampagne, die auf den Genfer Feiertag „Jeûne genevois“ Bezug nimmt, wird in Zürich niemanden interessieren, in Genf aber als Zeichen von lokalem Verständnis wahrgenommen.

Die strategische Nutzung des regionalen Kalenders geht über das blosse Platzieren von Werbung hinaus. Es geht darum, Teil der lokalen Konversation zu werden. Beispiele dafür gibt es viele:

  • Sechseläuten (Zürich): Eine Kampagne rund um den „Böögg“ kann eine enorme lokale Resonanz erzeugen.
  • Basler Fasnacht: Während der „drey scheenschte Dääg“ läuft die Stadt in einem anderen Rhythmus. Werbekampagnen müssen dies berücksichtigen – oder intelligent darauf eingehen.
  • L’Escalade (Genf): Die Feierlichkeiten im Dezember sind ein fester Bestandteil der Genfer Identität und bieten Anknüpfungspunkte für Storytelling.
  • St. Josef-Tag (Tessin, u.a.): In katholischen Kantonen ein wichtiger Feiertag, der sich für familienorientierte Kampagnen eignet.

Diese Anlässe beeinflussen nicht nur die Stimmung, sondern auch das Konsumverhalten und die Mediennutzung der Menschen. Während eines grossen lokalen Festes sind die Menschen draussen und weniger empfänglich für digitale Werbung zu Hause. Das Timing einer Kampagne muss also nicht nur saisonal, sondern hyper-lokal geplant werden. Anstatt einer nationalen „Frühlingskampagne“ könnten drei separate Kampagnen erfolgreicher sein: eine für das Sechseläuten in Zürich, eine für den „Premier Mars“ in Neuenburg und eine für die Kamelienblüte im Tessin.

Die Ignoranz dieser lokalen Rhythmen führt dazu, dass Marketingbotschaften ins Leere laufen. Eine intelligente Kampagnenplanung integriert diese kulturellen Höhepunkte und zeigt, dass die Marke die Lebenswelt ihrer Kunden versteht und respektiert. Dies ist ein einfacher, aber extrem wirkungsvoller Weg, um über den Röstigraben hinweg Relevanz zu schaffen.

Wie segmentieren Sie den kleinen Schweizer Markt, ohne die Zielgruppe zu sehr zu verkleinern?

Eine der grössten Herausforderungen im Schweizer Marketing ist die scheinbare Paradoxie: Der Markt ist klein, aber extrem fragmentiert. Wenn man beginnt, nach Sprache, Kanton, Alter und Einkommen zu segmentieren, bleiben am Ende oft Zielgruppen übrig, die zu klein sind, um eine dedizierte Kampagne zu rechtfertigen. Die Lösung liegt in einer Abkehr von der rein demografischen Segmentierung hin zu einer psychografischen oder wertebasierten Segmentierung, die über die Sprachgrenzen hinweg funktioniert.

Anstatt „Frauen, 30-40, in der Romandie“ anzusprechen, könnten Sie „umweltbewusste urbane Millennials“ als Zielgruppe definieren. Diese Gruppe existiert in Genf genauso wie in Zürich oder Basel. Sie teilen ähnliche Werte, Konsumgewohnheiten und Medienpräferenzen, auch wenn sie verschiedene Sprachen sprechen. Dieser Ansatz ermöglicht es, eine kohärente Kampagnenbotschaft zu entwickeln, die dann „nur“ noch sprachlich und mit lokalen visuellen Akzenten angepasst werden muss. Eine solche Strategie schafft Effizienz, ohne an Relevanz zu verlieren. Tatsächlich wird Inklusivität belohnt, wie eine Studie zeigt, laut der 64% der Konsumenten sich mit einer Marke nach einer als inklusiv wahrgenommenen Werbung auseinandersetzen.

Abstrakte Darstellung psychografischer Marktsegmente über Sprachgrenzen hinweg

Ein gutes Beispiel für generationsübergreifende, aber sprachregional unterschiedliche Verhaltensweisen ist die Nutzung von KI und sozialen Medien. Die Adaptionsrate neuer Technologien kann ein starkes Segmentierungskriterium sein.

Generationenunterschiede bei KI-Nutzung in der Schweiz
Altersgruppe ChatGPT-Nutzung Bevorzugte Plattform
15-19 Jahre 70% Snapchat, TikTok
20-29 Jahre Ca. 55% Instagram
30-49 Jahre Ca. 40% WhatsApp, LinkedIn
50+ Jahre Unter 30% Facebook, E-Mail

Diese Daten zeigen, dass eine Kampagne für „Digital Natives“ (unabhängig von der Sprache) auf TikTok und Instagram stattfinden sollte, während eine Zielgruppe „erfahrener Berufstätiger“ besser über LinkedIn und E-Mail zu erreichen ist. Die Hyper-Segmentierung erfolgt also nicht durch das Zerschneiden des Marktes, sondern durch das Finden von gemeinsamen Nennern über die Kulturen hinweg.

Die Kunst der Segmentierung in der Schweiz liegt im Finden von Gemeinsamkeiten. Durch die Fokussierung auf psychografische Profile können Sie relevante Zielgruppen schaffen, die gross genug für effiziente Kampagnen sind.

Warum ein Radius von 50km um Biel/Bienne zweisprachige Werbemittel erfordert

Die Stadt Biel/Bienne, die offiziell zweisprachig ist, ist das perfekte Mikrokosmos für die sprachlichen Herausforderungen und Chancen der Schweiz. Doch der Bedarf an zweisprachiger Kommunikation endet nicht an den Stadtgrenzen. In einem Radius von etwa 50 Kilometern um Biel erstreckt sich eine „Kontaktzone“, in der die deutsche und französische Schweiz aufeinandertreffen. Städte wie Bern, Freiburg, Neuenburg und Solothurn liegen in diesem Bereich, der von Pendlern, Einkäufern und Freizeit-Reisenden aus beiden Sprachregionen stark frequentiert wird.

In diesen Zonen ist eine einsprachige Werbeansprache ineffizient. Ein Plakat in Bern wird von Tausenden von Pendlern aus der Romandie gesehen. Ein Angebot in einem Freiburger Einkaufszentrum muss für Deutsch- und Französischsprachige verständlich sein. Interessanterweise zeigt eine Studie, dass Romands sogar häufiger in die Deutschschweiz reisen als umgekehrt, was die Notwendigkeit zweisprachiger Kommunikation in Deutschschweizer Zentren unterstreicht.

Bei der Gestaltung zweisprachiger Werbemittel sind jedoch einige Fallstricke zu beachten. Es reicht nicht, einfach beide Texte nebeneinander zu drucken. Folgende Best Practices sind entscheidend:

  • Hierarchie und Lesbarkeit: Eine Sprache sollte als primär definiert werden (je nach Standort), die andere als sekundär, aber dennoch klar lesbar.
  • Vermeidung von „Faux Amis“: „Falsche Freunde“ (Wörter, die in beiden Sprachen ähnlich klingen, aber etwas anderes bedeuten, wie „actuellement“ vs. „aktuell“) müssen sorgfältig vermieden werden, um Missverständnisse auszuschliessen.
  • Kultureller Kontext: Auch hier gilt: Eine reine Übersetzung des Slogans ist oft nicht genug. Die Bildsprache sollte für beide Kulturen funktionieren.

Die Investition in konsequent zweisprachige Kommunikation in diesen Kontaktzonen ist keine Ausgabe, sondern eine Investition in die Vergrösserung des potenziellen Kundenstamms. Es signalisiert Respekt und Offenheit und baut Barrieren ab, bevor sie überhaupt im Kopf des Konsumenten entstehen können. Das Verständnis für die andere Kultur wird so zu einem handfesten Wettbewerbsvorteil.

Das Wichtigste in Kürze

  • Erfolg in der Schweiz erfordert mehr als Übersetzung; es braucht eine auf kulturelle Transkreation ausgerichtete Strategie.
  • Die Mediennutzung variiert stark zwischen den Sprachregionen und erfordert eine differenzierte Kanalstrategie.
  • Eine flexible „Hub-and-Spoke“-Organisationsstruktur kombiniert zentrale Effizienz mit lokaler Relevanz.

Wie gestalten Sie eine User Experience, die den Wechsel zwischen Deutsch, Französisch und Italienisch nahtlos macht?

In einer digitalisierten Welt ist die Website oder App oft der erste und wichtigste Kontaktpunkt mit dem Kunden. Eine exzellente multilinguale User Experience (UX) ist daher kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit. Eine nahtlose Mehrsprachigkeit geht weit über einen simplen Sprachumschalter im Menü hinaus. Sie schafft ein Gefühl von Zugehörigkeit und signalisiert, dass jeder Kunde, egal welcher Sprache, gleichermassen willkommen und verstanden ist.

Eine erstklassige multilinguale UX basiert auf mehreren Säulen. Erstens, die automatische Spracherkennung: Die Website sollte idealerweise die im Browser des Nutzers eingestellte Sprache erkennen und die Inhalte automatisch entsprechend anzeigen. Zweitens, die Persistenz der Sprachwahl: Wenn ein Nutzer die Sprache manuell ändert, sollte diese Wahl für die gesamte Sitzung und idealerweise auch bei zukünftigen Besuchen (via Cookie) gespeichert werden. Nichts ist frustrierender, als auf jeder neuen Seite die Sprache erneut auswählen zu müssen.

Drittens, und das ist entscheidend, muss die Lokalisierung über den Text hinausgehen. Ändert sich die Sprache, sollten sich auch kulturell relevante Bilder oder Angebote anpassen. Ein gutes Beispiel für eine gelungene Umsetzung sind die Portale der SRG SSR: Die Websites von SRF, RTS und RSI teilen eine technische Infrastruktur, bieten aber ein vollständig an die jeweilige Sprach- und Kulturregion angepasstes Erlebnis. Die Bedeutung dieser Plattformen ist hoch: Bei digitalen News führen private Schweizer Medien (86%) knapp vor SRF/RTS/RSI (80%), was ihre zentrale Rolle unterstreicht.

Letztlich bedeutet eine nahtlose UX, dass der Sprachwechsel für den Nutzer mühelos und intuitiv ist. Er sollte das Gefühl haben, auf einer speziell für ihn geschaffenen Plattform zu sein, nicht auf einer übersetzten Version einer „Hauptseite“. Diese Liebe zum Detail in der digitalen Erfahrung ist ein starkes Signal für den Respekt vor der kulturellen Vielfalt der Schweiz.

Beginnen Sie noch heute damit, Ihre nationale Marketingstrategie durch die Brille der kulturellen Vielfalt zu auditieren. Analysieren Sie Ihre aktuellen Prozesse und identifizieren Sie die Bereiche, in denen Sie von einer reinen Übersetzung zu einer echten kulturellen Transkreation übergehen können.

Häufig gestellte Fragen zum Marketing über den Röstigraben

Warum reicht maschinelle Übersetzung nicht aus?

KI-generierter Content kann lokale Nuancen missverstehen oder kulturelle Werte einer Region falsch interpretieren. Ohne menschliche Überprüfung können Lokalisierungsfehler kostspielig werden und zu einem Reputationsschaden führen, da die Botschaft als unauthentisch oder gar respektlos empfunden wird.

Wie passt man Marketing-Messages kulturell an?

Eine kulturelle Anpassung erfordert ein tiefes Verständnis der Zielgruppe. Zum Beispiel könnte eine Wellness-Kampagne in der Deutschschweiz auf Effizienz und Naturverbundenheit fokussieren, während sie in der Romandie Genuss und soziale Aspekte betont. Ton, Stil, Bildsprache und sogar die beworbenen Produktvorteile müssen für jede Kultur spezifisch validiert und adaptiert werden.

Was ist wichtiger: Übersetzung oder Lokalisierung?

Lokalisierung ist weitaus wichtiger. Übersetzung ist nur ein Teil davon. Echte Lokalisierung bedeutet, nicht nur die Sprache, sondern auch kulturelle Referenzen, Humor, visuelle Elemente, Währungen, Datumsformate und rechtliche Rahmenbedingungen anzupassen. Ein Slogan, der in einer Region erfolgreich ist, kann in einer anderen seine Bedeutung verlieren oder unangemessen wirken, wenn er nicht sorgfältig lokalisiert wird.

Geschrieben von Corinne Dubois, Spezialistin für interkulturelles Marketing und nationale Kampagnen über den Röstigraben hinweg. In Biel/Bienne lebend, beherrscht sie den Spagat zwischen Deutschschweiz, Romandie und Tessin perfekt.